Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Christopher Marlowes Leben ist zu einem großen Teil eine Negation all dessen, was man über ihn zu wissen glaubt. Die Schwierigkeit liegt nicht im Fehlen zeitgenössischer Dokumente, sondern wie seit ihrer Entdeckung damit umgegangen wurde. Wer mehr als Daten und Fakten aufzählen will, kommt um eigene Hypothesen nicht herum, denn gerade zu den interessantesten Aspekten liefern die Quellen, so sie existieren, eher Fragen als Antworten. Wie plausibel eine Annahme auch klingt, bleibt sie Theorie. Marlowes Atheismus, seine Homosexualität oder seine Geheimdiensttätigkeit sind nur einige dieser Thesen, die durch schiere Wiederholung irgendwann den unverdienten Status des Faktums erreichten. Vieles in Marlowes Leben ist heute ein Rätsel, für das es nach so vielen Jahren keine Lösung mehr geben wird. Wer sich auf Marlowe einlässt, muss also lernen, mit offenen Fragen zu leben.
Familie
Schon zu Lebzeiten gab es mehrere Schreibweisen von Marlowes Nachnamen. Sein Vater verwendete "Marley" oder "Marle", in Cambridge wurde er als "Marlin" geführt, für die meisten Zeitgenossen war er "Marley" – so lautet auch seine einzige erhaltene Unterschrift. Der Name kam in der Grafschaft Kent zudem in zahlreichen Varianten häufig vor, was seit jeher zu Verwechslungen führte. So wurde wiederholt ein 1540 in Canterbury verstorbener Gerber namens Christopher Marley zu Marlowes Großvater erklärt.1 Eine Verbindung zwischen diesen Marleys und Marlowes Familie ließ sich jedoch nie nachweisen. Christopher Marlowes Wurzeln dürften vielmehr in Ospringe und Dover liegen. 1543 wurde ein George Marley aus Ospringe wegen Beleidigung angeklagt, wahrscheinlich Marlowes Großvater, zumindest gab sein Vater John Ospringe als Geburtsort an. Als Geburtsjahr John Marlowes nimmt man 1536 an. 1559 ließ ihn der Schuster Gerard Richardson bei der Stadtverwaltung von Canterbury als Lehrling eintragen, Anfang der 1560er wurde er Mitglied der Gemeinde von St. George. Die kurze, nur zweijährige Lehrzeit legt nahe, dass es sich eher um einen Vorwand handelte, ein bereits erlerntes Handwerk offiziell ausüben zu dürfen. Bereits im Mai 1561 heiratete er Katherine Arthur aus Dover, deren Familie vermutlich im Stadtteil St. James wohnte.2
John Marlowe war ab 1564 freeman, kam aber nie zu Wohlstand. Er hatte ständig Schulden, beglich Rechnungen nur widerwillig und lag mit Nachbarn und Vermietern häufig im Streit, was wohl die wiederholten Umzüge der Familie erklärt. Zugleich war er wohl auch ein geselliger, hilfsbereiter Bürger, der sein Handwerk verstand. Er bezeugte Dokumente, war Lederinspektor und übernahm kleinere Gemeindeaufgaben. Als er 1605 starb, hinterließ er alles seiner Frau Katherine, die trotz eines wahrscheinlich nicht leichten Ehelebens verfügte, neben ihm auf dem Friedhof von St. George begraben zu werden.3
Aus der Ehe gingen neun Kinder hervor, Christopher war das zweite. Das Taufregister von St. George verzeichnet seine Taufe am 26. Februar 1564.

Eintrag der Taufe ins Register von St. George (CC0)
Vier seiner Geschwister starben vor ihm, die übrigen vier überlebten Marlowe ebenso wie seine Eltern. Ob es heute noch direkte Nachfahren der Familie gibt, lässt sich nicht mehr feststellen. Die Familie seines Onkels Thomas Arthur fiel 1593 vermutlich der Pest zum Opfer. Genaueres weiß man über Marlowes Schwestern: Margaret heiratete 1590 den Schneider John Jordan, Jane starb 1583 an den Folgen einer Geburt, Anne brachte in ihrer Ehe mit John Cranford zwölf Kinder zur Welt und geriet mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt, Dorothys Mann Thomas Graddell war zeitweise exkommuniziert und stand wiederholt vor Gericht. Nur einer von Marlowes Brüdern, Thomas, überlebte das Säuglingsalter. Im Testament der Mutter wird er nicht erwähnt, möglicherweise starb er vor 1605 oder wanderte aus – 1624 kam ein Thomas Marloe mit dem Schiff Jonathan in Virginia an.4
King’s School
Zu Weihnachten 1578 wurde Marlowe in die 1541 von Henry VIII. in Canterbury gegründete King’s School aufgenommen. Zwei Fragen bleiben offen: welche Schule er zuvor besucht hatte, und wie seine Familie das Schulgeld von 4 Pfund aufbrachte. Auf Ersteres gibt es keine Antwort, für Letzteres nur Vermutungen – möglicherweise übernahm ein unbekannter Wohltäter die Kosten, wie es für etliche Söhne armer Familien üblich war.5 Sein Eintritt erfolgte spät, da die Schulstatuten Buben über fünfzehn eigentlich ausschlossen.6 Marlowe blieb nicht lange dort.
Studium in Cambridge
Matthew Parker hatte 1548 ein Stipendium gestiftet, das begabten Söhnen armer Familien ein Studium in Cambridge ermöglichte. Die Absolventen sollten in den Dienst der Anglikanischen Kirche treten, denn Parker wollte vor allem dringend benötigte Gemeindepriester ausbilden lassen.7 Von den 76 Stipendiaten zwischen 1577 und 1584 machten 69 ihren Abschluss, 44 davon traten in den geistlichen Stand ein.8 Andere Kommilitonen Marlowes schlugen ungewöhnlichere Wege ein. Der Waliser John Penry wurde glühender Puritaner und angeblicher Verfasser der Marprelate-Pamphlete, John Greenwood focht die kirchliche Vormachtstellung der Königin an, was nach fast sieben Jahren Haft 1593 zu seiner Hinrichtung führte, Nicholas Faunt aus Canterbury wurde 1587 Sekretär von Francis Walsingham. Ob Marlowe diesen Männern während des Studiums begegnete, ist jedoch unbekannt.9
Marlowe kam mit siebzehn Jahren ans Corpus Christi College, gut drei Jahre älter als der durchschnittliche Studienanfänger, und wurde ab dem 27. März 1581 als "Christoferus Marlen" immatrikuliert.10 Warum er in den Genuss eines Stipendiums gekommen war, weiß man nicht. Als Student zweiter Klasse stand er über jenen, die für ihr Studium als Dienstboten arbeiten mussten, aber unter jenen, deren Familien das Studiengeld selbst aufbrachten.11 Die Rechnungsbücher des Colleges zeigen, dass er bis zu seinem BA im Februar 1585 nur zweimal für längere Zeit fehlte.12 Ab Frühjahr 1585 änderte sich das. Für das Studienjahr 1584/85 erhielt Marlowe nur 19 Shilling 6 Pence statt der vollen Summe von 2 Pfund 13 Shilling, gab dem Vorratsbuch zufolge aber mehr aus. Im November war er nachweislich in Canterbury, wo er gemeinsam mit Vater und Onkel das Testament der Witwe Katherine Benchkin bezeugte – auf diesem Dokument findet sich die einzig erhaltene Unterschrift Marlowes.

Christopher Marlowes Unterschrift auf dem Testament von Katherine Benchkin. 1585. Kent Archives Office PRC 16/36 (CC0)
Zwischen April und Juni 1586 verließ Marlowe Cambridge erneut. Anfang des folgenden Jahres fehlte er wieder für etwa acht Wochen. Im April 1587 endete sein Stipendium, und als er um Zulassung zum MA ansuchte, verweigerte ihm die Universität diese zunächst. Erst ein Schreiben von hoher Stelle brachte die Wende. Die Protokolle des Privy Councils, datiert vom 9. Juli 1587, enthalten folgende Anweisung an Cambridge, verfasst in Anwesenheit von Erzbischof John Whitgift, Lordkanzler Sir Christopher Hatton, Schatzmeister William Cecil, Kammerherrn Henry Carey und Rechnungsprüfer Sir James Crofts:
"Whereas it was reported that Christopher Morley was determined to have gone beyond the seas to Reams and there to remain, their Lordships thought good to certify that he had no such intent, but that in all his actions he had behaved himself orderly and discretely, whereby he had done Her Majesty good service, & deserved to be rewarded for his faithful dealing. Their Lordships' request was that the rumour thereof should be allayed by all possible means, and that he should be furthered in the degree he was to take this next Commencement, because it was not Her Majesty’s pleasure that anyone employed, as he had been, in matters touching the benefit of his country, should be defamed by those that are ignorant in th’affairs he went about."13
Das Katholische Seminar unterhielt gute Verbindungen zu Cambridge, von wo nach 1580 zunehmend Studenten abwanderten. Die Universität war entsprechend wachsam gegenüber unerklärten, mehrmonatigen Abwesenheiten.14 Zudem bewegten sich die Stipendiaten in einem engen, geschlossenen Kreis, in dem Gerüchte leicht entstanden.15 Dass Marlowe tatsächlich in Reims gewesen wäre, wie Biografen lange vermuteten, widerlegen die Aufzeichnungen.16 Das Schreiben gilt dennoch bis heute als Beleg einer Tätigkeit für den Geheimdienst – wobei meist übersehen wird, dass die heutige Vorstellung von "Geheimagent" wenig mit jener des 16. Jahrhunderts zu tun hat. Belegt ist durch den Brief nur, dass Marlowe der Königin in Landesangelegenheiten gute Dienste erwiesen habe, was viele taten, ohne deshalb Spion gewesen zu sein. Im Juli 1587 erhielt er seinen MA und verließ die Universität Richtung London.
London
Warum und wann genau Marlowe nach London zog, ist unbekannt. Vermutlich zwischen Herbst 1587 und Frühling 1588 erlebte Tamburlaine dort seine Uraufführung. "No English dramatist, surely, has ever made a more astounding debut in the professional theatre than Christopher Marlowe with Tamburlaine."17 Auch dank Titeldarsteller Edward Alleyn wurde daraus eine Sensation, die noch Jahre nachwirkte.
Einige von Marlowes Londoner Kontakten sind bekannt: Er war mit Thomas Watson und Thomas Nashe befreundet, teilte sich zeitweise einen Arbeitsraum mit Thomas Kyd und erregte wohl den Unmut von Robert Greene. Mit der Renaissance begann eine Epoche, die erstmals von der Jugend getragen wurde, die neue Welten erkunden und die Gegenwart genießen wollte. Aus dieser Lebenslust entstand vielleicht zum ersten Mal so etwas wie eine Bohème, und Marlowe mag ihr angehört haben.18 Was es dagegen ganz sicher nicht gab, ist die viel beschworene Schule der Nacht.
Der Kampf der Literaten
Dass viel über das elisabethanische Theater geschrieben wird, heißt nicht, dass man viel darüber weiß – gerade in der Anfangszeit liegt vieles im Dunklen. Wiederholt wird eine konfliktreiche literarische Szene abseits des Hofs beschrieben, in deren Zentrum Marlowe gestanden habe. Das kommerzielle Drama habe unter seinem Einfluss Lyrik und Prosa als Leitmedium abgelöst und Robert Greene aus dem literarischen Zentrum verdrängt.19 1 Tamburlaine habe mit dem alten Theater voller Knittelvers und ordinärer Späße gebrochen und das Drama auf ein neues Niveau gehoben.20
Das letzte Drittel der elisabethanischen Epoche war literarisch hochproduktiv, Debatten wie die Martin Marprelate-Kontroverse wurden mitunter im Auftrag der Obrigkeit schriftlich ausgetragen. Aber diese Texte wurden bewusst vage, doppeldeutig und voller Wortspiele, deren Bedeutung wir heute bestenfalls erraten können, verfasst.21 Das Drama gewann an Wichtigkeit, deshalb verdrängte es keineswegs Prosa und erst recht nicht die Lyrik. Ob 1 Tamburlaine tatsächlich eine Erneuerung des englischen Theaters einläutete, lässt sich kaum belegen, da aus der Zeit davor nur zwei nicht-höfische Stücke erhalten sind.22
Das London des ausgehenden 16. Jahrhunderts als literarischer Kampfplatz, auf dem die sogenannten "University Wits", Autoren mit Universitätsabschluss wie Marlowe, Thomas Nashe, Robert Greene oder George Peele mit Praktikern wie Henry Chettle, Anthony Munday und William Shakespeare über Gattungsfragen, Versformen und Themen stritten23 ist eine posthume Konstruktion. Marlowe hatte mit ganz anderen Problemen zu kämpfen.
Vor Gericht
Am 20. August 1587 übernahm ein Christopher Marlowe vom Pferdevermieter James Wheatley einen grauen Wallach samt Sattel und Zaumzeug, den er offenbar nicht zurückgab. Wheatley klagte im Herbst auf 6 Pfund 13 Shilling 4 Pence Warenwert plus 20 Pfund Schadenersatz. Da Marlowe zur Verhandlung am 2. Februar 1589 nicht erschien, verlor er automatisch. Das Gericht bezifferte den Schaden am 15. Februar auf 9 Pfund 6 Shilling 8 Pence. Möglicherweise war Geldnot auch der Grund, warum Marlowe sich am 21. April 1588 10 Pfund von seinem ehemaligen Kommilitonen Edward Elvyn geliehen, aber angeblich nie zurückgezahlt hatte. Elvyn hatte ebenfalls geklagt. Marlowe hatte die Vorwürfe bestritten, aber über die für 1589 angesetzte Verhandlung gibt es keine Dokumente, wohl weil man sich außergerichtlich geeinigt hatte.24
Theorien, wonach Marlowe 1587 und 1592 als Bote für Lord Burghley25 oder als Vorleser für Arbella Stuart fungierte, gelten mittlerweile als verworfen.26 Gesichert ist dagegen seine Beteiligung am Vorfall in der Hog Lane (heute Worship Street). Am Nachmittag des 28. September 1589 kam es zur handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen Marlowe und William Bradley, dem Sohn eines Gastwirts. Bradley dürfte Schulden bei einem John Allen, vermutlich dem Bruder Edward Alleyns, gehabt haben. Allen hatte in Begleitung einiger Freunde, darunter Thomas Watson, bereits mit Nachdruck versucht, die Außenstände einzutreiben.27 Warum Bradley ausgerechnet mit Marlowe aneinandergeriet, der in Begleitung Watsons war, ist ein Rätsel. Watson versuchte zu schlichten, wurde jedoch von Bradley attackiert. Bei dem anschließenden Handgemenge tötete Watson Bradley mit einem Dolchstoß in die Brust. Watson und Marlowe leisteten keinen Widerstand und warteten auf Friedensrichter Sir Owen Hopton, der beide ins Newgate-Gefängnis bringen ließ.28
Am 11. Oktober kam Marlowe gegen eine Kaution von 40 Pfund frei. Zwei Bürgen, Richard Kitchen und Humphrey Rowland, standen für je 20 Pfund ein, ohne erkennbare Verbindung zu Marlowe. Zumindest bei Rowland ist zweifelhaft, ob er die Summe tatsächlich aus eigener Tasche hätte aufbringen können. Watson blieb bis zum Prozess am 13. Dezember in Haft. Die Verhandlung, bei der auch Sir Roger Manwood zu den Richtern zählte, endete für beide mit einem Freispruch wegen Notwehr.29
Niederlande
Am 5. Februar 1592 schickte Robert Sidney, Gouverneur von Vlissingen, einen Bericht an Lord Burghley:
"Besides the prisoner Evan Flud, I have also given in charge to this bearer my anciant twoe other prisoners, the one named Christofer Marly, by his profession a scholer, and the other Gifford Gilbert a goldsmith taken heer for coining, and their mony I have sent over unto yowr Lo: The matter was revealed unto me the day after it was done, by one Ri: Baines whome also my Anciant shal bring unto yowr Lo: He was theyr chamber fellow and fearing the succes, made me acquainted with all. The men being examined apart never denied anything, onely protesting that what was done was onely to se the Goldsmiths conning: […] they do one accuse another to have bin the inducers of him, and to have intended to practis yt heerafter: […] But howsoever it hapned a dutch shilling was uttred, and els not any peece: and indeed I do not thinck that they wold have uttred many of them: for the mettal is plain peuter and with half an ey to be discovered. […] The scholer sais himself to be very wel known both to the Earle of Northumberland and my lord Strang. Bains and he do also accuse one another of intent to goe to the Ennemy or to Rome, both as they say of malice one to another."30
Die Identität von Evan Flud blieb ungeklärt,31 ebenso das weitere Schicksal des Goldschmieds Gifford Gilbert – dessen Namensgleichheit mit dem einstigen Agenten Walsinghams bei Mary Stuart dürfte Zufall sein.32 Richard Baines war, je nach Lesart, gescheiterter englischer Spion oder abtrünniger Katholik aus dem Katholischen Seminar. Wie er in Vlissingen auf Marlowe traf, verrät der Brief nicht. Ein juristisches Nachspiel scheint der Vorfall trotz der Schwere des Vorwurfs – Geldfälschung galt als Verrat und wurde mit dem Tod bestraft – nicht gehabt zu haben. Erhalten ist nur eine von Burghley unterzeichnete Zahlungsanweisung an David Loyd, Robert Sidneys Fähnrich für die Überbringung von Briefen und drei Gefangenen.33
Sidneys Schreiben und die ausbleibenden Konsequenzen wurden im 20. Jahrhundert zu Unrecht als weiterer Beleg für Marlowes Arbeit im Geheimdienst gewertet.34 Wichtiger als solche Spionagegeschichten ist die Tatsache, dass Marlowe damals bereits auf Richard Baines getroffen war.
London – Canterbury
Wie Burghley auf den Brief aus Vlissingen reagierte oder welche Konsequenzen dies für Richard Baines und Marlowe hatte, ist unbekannt. Spätestens im Mai 1592 war Marlowe wieder in London. Am 19. Mai musste er vor Richter Hopton versichern, in der ersten Oktoberwoche wieder vor Gericht zu erscheinen und sich bis dahin friedlich zu verhalten, besonders gegenüber den Constablern Allen Nichols und Nicholas Helliott – andernfalls drohte der Verlust von 20 Pfund, eine Standardformel, die auch bei mittellosen Angeklagten verwendet wurde. Der nächste Termin fand in Canterbury statt. Der Schneider William Corkine hatte Marlowe angezeigt, weil dieser ihn am 25. September mit Knüppel und Dolch angegriffen und einen Schaden von 5 Pfund verursacht habe. Marlowes Gegenklage wies das Gericht ab, die für den 19. Oktober angesetzte Verhandlung fand nie statt – vermutlich hatte man sich zuvor außergerichtlich geeinigt.35
Die Schrift an der Wand
Beruflich war die zweite Jahreshälfte 1592 für alle Theaterschaffenden schwierig. Im Juni schlossen die Theater, die Zahl der Pesttoten blieb den Sommer über hoch, erst Ende Dezember durfte wieder gespielt werden – nur um Anfang 1593 erneut zu schließen, als eine Epidemie die wöchentlichen Totenzahlen auf über dreißig trieb.36 Wer konnte, verließ die Stadt, so auch Marlowe, der zu Thomas Walsingham nach Scadbury ging.
In dieser angespannten Lage kursierten fremdenfeindliche Pamphlete gegen ausländische Handwerker – obwohl der Immigrantenanteil gering war, unternahm die Stadtverwaltung wenig gegen die Verfasser.37 In der Nacht zum 15. Mai 1593 brachte ein Unbekannter an der Mauer des Friedhofs der Dutch Church ein Flugblatt an, das alle vorherigen an Gemeinheit übertraf. Die Dutch Church Libel veranlasste den Privy Council zu rigiden Maßnahmen: Londons Verwaltung sollte den Verfasser mittels Hausdurchsuchungen und Befragungen, notfalls unter Folter, ausfindig machen. Dabei geriet vermutlich der Dramatiker Thomas Kyd, der hauptberuflich Schreiber war, in Verdacht.38 Bei Kyds Papieren fanden sich drei Blätter mit Auszügen zum Arianismus,39 die eigener Aussage nach Marlowe gehörten. Später erklärte er, die Blätter seien zwei Jahre zuvor, als beide sich einen Arbeitsraum teilten, mit seinen eigenen Papieren vermischt worden.40
Als Verfasser der Dutch Church Libel wurde Marlowe zu Recht nie verdächtigt.41 Ob Kyds Verhaftung damit zusammenhing und welche Wirkung seine Aussage gegen Marlowe hatte, ist ungewiss. Jedenfalls schickte der Privy Council am 28. Mai Henry Maunder zu Thomas Walsingham nach Scadbury, um Marlowe an den Hof nach Nonsuch, rund 19 km südlich von London, zu bringen. Worüber man ihn dort am 30. Mai befragte, ist unbekannt. Er wurde mit der Auflage täglicher Meldepflicht wieder entlassen. Der Privy Council tagte noch am 2., 4. und 8. Juni – ob Marlowe der Meldepflicht nachkam, geht aus den Akten nicht hervor.
Deptford
Jahrhundertelang war man auf Legenden und Gerüchte angewiesen, um zu klären, was Marlowe in Deptford überhaupt tat. Erst 1920 fand Leslie Hotson den Untersuchungsbericht, der die Umstände seines Todes festhält.42 Ironischerweise sind seither mehr Spekulationen im Umlauf als zuvor. Eines steht fest: Christopher Marlowe starb nicht bei einer Wirtshausrauferei.
Laut Bericht trafen am 9. Juni 1593 gegen zehn Uhr vormittags Ingram Frizer, Nicholas Skeres, Robert Poley und Marlowe im Zimmer eines Hauses zusammen, das der Witwe Eleanor Bull gehörte – ein respektables Privathaus am Deptford Strand, das mit amtlicher Genehmigung, ähnlich einem heutigen Bed & Breakfast, gegen Bezahlung Unterkunft und Verpflegung bot. Die vier aßen zu Mittag, spazierten durch den Garten und kehrten gegen achtzehn Uhr zum Abendessen zurück. Danach entbrannte zwischen Frizer und Marlowe ein Streit um die Rechnung. Marlowe legte sich auf ein Bett vor dem Tisch, an dem die anderen drei saßen. Frizer, zwischen Poley und Skeres mit dem Rücken zu Marlowe sitzend, wurde von diesem plötzlich der Dolch entwendet, wobei ihm zwei etwa 5 cm lange, 0,6 cm tiefe Kopfwunden zugefügt wurden. Eingekeilt zwischen Poley, Skeres, Tisch und Bett kämpfte Frizer um sein Leben und rang Marlowe im Handgemenge den Dolch wieder ab, wobei er ihm über dem rechten Auge eine 5,08 cm tiefe, 2,54 cm breite tödliche Wunde zufügte.43 Der Dolch dürfte über dem Augapfel eingedrungen sein und dabei den oberen Augenhöhlenriss an der hinteren Augenhöhle penetriert haben. Dass durch die einströmende Luft eine Embolie entstand, gilt medizinisch als unwahrscheinlich – plausibler ist, dass die Dolchspitze die innere Halsschlagader verletzte und ein intrakranielles Hämatom eine zerebrale Kompression verursachte.44
Da sich der Vorfall im Radius von 12 Meilen (19,31 km) um die Königin abgespielt hatte, wurde der königliche Leichenbeschauer William Danby mit der Untersuchung betraut. Frizer entzog sich der Verhaftung nicht und gestand zwei Tage später, Marlowe in Notwehr getötet zu haben. Sechzehn Geschworene aus Deptford und Umgebung bestätigten Danbys Bericht. Frizer blieb bis zur Verhandlung in Haft, Marlowes Leiche wurde freigegeben und noch am selben Tag am Friedhof von St. Nicholas in Deptford beerdigt. Vikar Thomas Macander verzeichnete im Kirchenregister: "Christopher Marlowe slaine by ffrauncis ffrezer".

Eintrag der Beerdigung ins Register von St. Nicholas (CC0)
Ingram Frizer hatte möglicherweise einen Verwandten namens Francis, was die Verwechslung erklären könnte.45 Macanders Irrtum sorgt bis heute für Verwirrung, da manche Literatur Marlowes Mörder fälschlich Francis Frizer nennt. Wo sich Marlowes Grab befand, lässt sich nicht mehr feststellen, da die Kirche gut hundert Jahre später umgebaut wurde. Von St. Nicholas, wie es zu Marlowes Zeiten aussah, blieb nur der Turm aus dem 14. Jahrhundert erhalten.

Turm von St. Nicholas. 2019. (Privatbesitz)
Die Gedenktafel für Marlowe wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört und erst später neu errichtet.46

Gedenktafel an der Friedhofsmauer von von St. Nicholas. 2019. (Privatbesitz)
Nimmt man den Untersuchungsbericht als gegeben hin, ist Marlowes Tod tragisch, aber nicht mysteriös: Vier Männer verbrachten einen geruhsamen Tag, und als man sich über die Rechnung nicht einigen konnte, kam es zum Handgemenge, in dessen Verlauf einer lebensgefährlich verletzt wurde. Aber genährt durch die Biografien von Ingram Frizer, Nicholas Skeres und Robert Poley, die Baines Note, die Affäre um die Dutch Church Libel, die Briefe Thomas Kyds und einige andere Dokumente weckt etwas an dieser Geschichte seit nunmehr hundert Jahren Skepsis. Selbst wenn wir je erfahren würden, was wirklich vorgefallen ist, ändert das nichts an der eigentlichen Tragödie: An diesem Tag starb ein Mann, das Theater sollte seinesgleichen nie mehr sehen.