Percy E. Pinkerton bilanzierte 1885 in seiner Werkausgabe Marlowes Ansehen im In- und Ausland:
"Marlowe has not yet got the ear of Europe. In England even, few comparatively give him high regard; abroad, he still counts as a barbarian. Germans may sympathize, perhaps, with one who first touched their great Faust-legend; […]"1
An dieser Einschätzung hat sich seither wenig geändert. Im Vergleich mit dem übrigen Kontinentaleuropa – England selbstredend ausgenommen – schneiden Deutschland und Österreich trotzdem nicht am schlechtesten ab. Frankreich wurde durch François-Victor Hugos Übersetzung des Doctor Faustus (1858) und Alfred Jean François Mézières' Contemporaines et Successeurs de Shakespeare (1863) auf Marlowe aufmerksam, 1889 folgte Félix Rabbes Übertragung sämtlicher Dramen. Italien musste länger warten: Arturo Graf stellte Doctor Faustus zwar schon 1878 in seinen Studii drammatici vor, doch Eugenio Turiellos Übersetzung erschien erst 1898, Raffaele Piccolis Edward II gar erst 1914. Spanien, die Niederlande, Dänemark, Schweden und Polen lernten Marlowe erst im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in der eigenen Sprache kennen.2
Erste Kontakte: Wanderbühnen am Kaiserhof
Der Kontakt des deutschen3 Publikums mit Marlowe setzte früh ein. 1592 soll eine englische Wandertruppe in Frankfurt seine Dramen gezeigt haben,4 Ende der 1590er Jahre womöglich auch in Nürnberg.5 Konkreter wird es 1607. Erzherzog Ferdinand holte eine Truppe unter John Green an den Grazer Hof. Auf dem Weg zum Regensburger Reichstag begleitete sie ihn bis Passau, wo sein Bruder Leopold als Bischof residierte. Dort führte man Ende November die Comedi von dem Juden auf, mit ziemlicher Sicherheit The Jew of Malta. Im Jahr darauf, während der Verlobungsfeierlichkeiten von Ferdinands Schwester Maria Magdalena mit Cosimo II. de' Medici, spielte Greens Truppe erneut in Graz. Maria Magdalena schrieb ihrem Bruder: "am Sonntag haben sy gehabt von dem dockthor Faustus, […] am pfingsttag haben sy die von dem Juden gehalten, die sie auch zu passau gehalten haben."6
Beide Stücke blieben im deutschsprachigen Raum präsent. 1626 zeigte Greens Truppe Doctor Faustus und The Jew of Malta in Dresden, 1651 ersuchte in Prag ein gewisser Johann Schilling um die Aufführungserlaubnis für dieselben zwei Dramen.7
Faustus überlebt, Barabas verschwindet
Mit der Zeit verschmolzen bei den Aufführungen mehrere Stücke zu neuen Werken, zusätzlich verändert durch Übersetzung und Bearbeitung. Ein Beispiel ist das Bühnenmanuskript Comoedia Genandt Dass Wohl Gesprochene Uhrtheil Eynes Weiblichen Studenten oder Der Jud Von Venedig aus dem späten 17. Jahrhundert, das Elemente aus The Jew of Malta und The Merchant of Venice vereint.8 Barabas geriet dabei im Laufe der Zeit in Vergessenheit, Faustus hingegen blieb dem Volksschauspiel und dem Puppentheater erhalten. Ob Goethe Marlowes Drama kannte oder für seinen Faust nutzte, wird an anderer Stelle behandelt. Gotthold Ephraim Lessing jedenfalls wusste um den Ursprung. In seinem 17. Literaturbrief von 1759 schrieb er:
"Daß aber unsre alten Stücke wirklich sehr viel Englisches gehabt haben, könnte ich Ihnen mit geringer Mühe weitläuftig beweisen. Nur das bekannteste derselben zu nennen; »Doctor Faust« hat eine Menge Szenen, die nur ein Shakespearesches Genie zu denken vermögend gewesen. Und wie verliebt war Deutschland, und ist es zum Teil noch, in seinen »Doctor Faust«!"9
Im Schatten Shakespeares
Als 1762 mit dem Sommernachtstraum Christoph Martin Wielands erste Prosaübersetzung erschien, wuchs das Interesse an Shakespeare und seiner Zeit spürbar. August Wilhelm Schlegel räumte ihm in seinen Vorlesungen über die dramatische Kunst und Literatur von 1808 einen überdimensionalen Stellenwert ein, seinen Zeitgenossen dagegen schenkte er höchstens einen Bruchteil dieser Aufmerksamkeit. Marlowe bekam einen Absatz. Sein Talent sei echt gewesen, urteilte Schlegel, Edward II kunstlos, aber mit Treue und Einfalt behandelt, die Verse fließend, doch ohne Nachdruck. Warum Ben Jonson von "Marlowe’s mighty line" gesprochen habe, sei ihm unverständlich, und in Edward II erkenne er allenfalls das schwächere Vorbild von Shakespeares frühesten Historiendramen.10
Zu wenig, fand Schlegel, um der Nachwelt in Erinnerung zu bleiben. Dieses Privileg gestand er neben Shakespeare nur Ben Jonson, Beaumont und Fletcher sowie Massinger zu. Für die deutschen Romantiker war Shakespeare ohnehin ein unfehlbarer Gott unter den Dichtern, der ihre eigenen Stilmittel längst vorweggenommen hatte. Er war kontemplativ, fernab jeder Profanität, und stellte sein Genie einem Theater zur Verfügung, das er insgeheim verachtete. Nur die romantische, deutsche Seele, so die Selbsteinschätzung, konnte ihn wirklich verstehen. Ludwig Tieck machte Shakespeare 1825 in seiner Novelle Dichterleben zum Helden, und darin trat erstmals Christopher Marlowe als literarische Figur auf. Marlowe entsprach keineswegs Tiecks Ideal, als Dramatiker konnte er ihn dennoch nicht ignorieren:
"Auch Marlow findet die befriedigende Harmonie des Green in keinem seiner Werke, er will das Ungeheure, Riesenhafte, und fällt darüber oft in das Schwülstige und Wahnsinnige, seine Tragödie ist mehr blutig und grausam als tragisch […] Und doch muß selbst die strenge Kritik einräumen, daß sein Jude von Malta ein großartiges Werk, und sein Eduard II fast eine vollendete Tragödie zu nennen sey. Dieser heftige und wahrhaft poetische Geist […] erreichte die Periode seiner Reife nicht […] und starb, auch ein Opfer seines ausschweifenden Lebens, auf eine gewaltsame Art."11
Die Übersetzungen des 19. Jahrhunderts
Das deutsche Publikum war gezwungen, Tiecks Urteil zu vertrauen. Übersetzt waren bis dahin erst zwei Dramen. 1808 hatte Karl Ludwig Kannegießer mit The Jew of Malta den Anfang gemacht, eine Dekade später folgte Wilhelm Müllers Doctor Faustus, 1831 Karl Eduard von Bülows Edward II. Friedrich Bodenstedt versuchte sich 1860 an einer Art Gesamtausgabe.12 Vollständig übersetzt liegt darin nur der Doctor Faustus vor, für die übrigen Stücke erstellte er mit übersetzten Passagen ergänzte Zusammenfassungen. Auf einen deutschen Tamburlaine 1 musste man bis zu Margarethe Vöhls Übersetzung von 1893 warten.13
Aufführungen im 20. Jahrhundert
Deutschsprachige Bühnen schenkten und schenken Marlowe kaum Beachtung. Karel Hilar und Karl-Heinz Martin versuchten sich Anfang der 1920er Jahre in Prag beziehungsweise Berlin an Edward II, ohne nachhaltigen Erfolg. Als Bertolt Brecht 1924 in München seine Bearbeitung desselben Stoffs zeigte, war der Name Christopher Marlowe seinem Publikum fast gänzlich unbekannt. Seit 1900 kam es an Wiener Bühnen zu insgesamt fünf Inszenierungen von Edward II und The Jew of Malta.
Die verunglückte Werkausgabe von 1999
Auch die Forschung vernachlässigt Marlowe. Außer einzelnen Fachartikeln gibt es im Deutschen weder eine Biografie noch eine Übersetzung des Gesamtwerks. 1999 legte der Eichborn Verlag die erste deutsche Ausgabe sämtlicher Dramen vor.14 Gelungen war daran vor allem der Einband, in seiner geschmackvollen Schlichtheit. Was ein Meilenstein der deutschen Marlowe-Rezeption hätte werden können, entpuppte sich als dilettantischer Selbstdarstellungsversuch Wolfgang Schlüters, der eindrucksvoll bewies, dass "Traduttore, Traditore"15 keineswegs nur für Libretti gilt. Schlüter tat Stil, Versmaß, Inhalt und Sinn der Dramen so rohe Gewalt an, wie man es selbst von der an Grausamkeiten reichen Shakespeare-Übersetzung nicht kennt:
"Was die Übertragung darüber hinaus an Freiheiten sich herausnahm, ist ebenso wohlbedacht und begründet. […] Aus dem Malteser Juden einen Wiener Jid zu machen (der konsequenterweise statt eines »rice-porridge« eine Mehlspeis backt und sich nicht als »french musician«, sondern als ungarischer Primas tarnt), mag dem zärtlichen Sadismus, der dämonischen Gemütlichkeit, mit der wir seit Karl Kraus und Qualtinger vertraut sind, näherkommen […]"16
Man mag sich gar nicht erst vorstellen, wie das Ergebnis ausgesehen hätte, wären solche Eingriffe nicht "wohlbedacht und begründet" gewesen. Niveau und Qualität teilt diese Übersetzung mit der einzigen deutschen Dokumentation (2011) über Christopher Marlowe. Angesichts solcher Unternehmungen ist das Desinteresse des deutschsprachigen Publikums, ob Leser oder Zuseher, durchaus verständlich.