Edward II

The troublesome raigne and lamentable death of Edward the second, king of England: with the tragicall fall of proud Mortimer (Die schreckensreiche Regentschaft und der beklagenswerte Tod von Edward dem Zweiten, König von England, mit dem tragischen Sturz des stolzen Mortimers) ist ziemlich sicher Christopher Marlowes letztes Drama und seine zweite Historie.

Handlung

→ Handlung von Edward II

Text

Das Drama besteht aus 1.722 Sätzen mit insgesamt 21.106 Wörtern und einem Vokabular von 3.142 Wörtern.1 Je ein Wort verwendete Marlowe erstmals in einer neuen Bedeutung, erstmals in einer bis dahin unbekannten grammatischen Konstruktion und in einer Bedeutung, die sonst nirgends belegt ist.

Entstehung

Edward II wurde nicht von den Admiral’s Men aufgeführt, sondern von den Pembroke’s Men. Henslowe erwähnt das Werk in seinen Aufzeichnungen nicht, was nicht heißen muss, dass es von vornherein für diese Truppe verfasst wurde. Roslyn L. Knutson vermutet sogar, auch Edward II sei ursprünglich für Edward Alleyn geschrieben worden.2

Die Titelseite des ersten erhaltenen Drucks berichtet von mehreren Aufführungen in London. Für die Tournee war das Stück mit seinen sechzehn Rollen wenig geeignet, weshalb sich Ende 1591 oder Anfang 1592 als Entstehungszeit annehmen lässt. Dafür spricht ebenso die Begeisterung der elisabethanischen Dramatiker für das englische Mittelalter, die zu Beginn der 1590er Jahre einsetzte.3 Nach dem Sieg über die Armada hatte diese Mode einen patriotischen Hintergrund, vor dem es ein wenig sardonisch wirkt, dass Marlowe ausgerechnet einen Monarchen wählte, der damals bereits als einer der schlechtesten Herrscher Englands galt.4 Für eine frühere Datierung spricht sein Aufenthalt in den Niederlanden 1591/92,5 dagegen Josie Slaughter Shumake, die auf zwei Stellen verwies, die die zweite Auflage von John Stows Annales voraussetzen. Trifft das zu, kann das Stück nicht vor Mai 1592 entstanden sein.6 Ein wörtliches Zitat aus George Peeles Descensus Astraeae vom November 1591 hilft nicht weiter, weil unbekannt ist, wer bei wem borgte.7 Dasselbe gilt für die letzten beiden Teile von Henry VI, Edward I, The Troublesome Reign of King John, Soliman and Perseda und Arden of Faversham, die in einen so engen Zeitraum fallen, dass sich 1591 vermuten, 1592 aber nicht ausschließen lässt.8

Die meisten Anhaltspunkte dafür, dass es sich um Marlowes letztes Drama handelt, finden sich im Werk selbst. Seine Struktur ist die ausgereifteste, was sich trotz des korrumpierten Zustands einiger anderer Stücke erkennen lässt. Erstmals liegen die Handlungsorte nicht im Ausland, sondern in der Heimat des Autors.

Der Eintrag ins Stationers' Register erfolgte am 16. Juli 1593. Obwohl Hinweise für die Existenz eines Drucks aus demselben Jahr sprechen könnten,9 stammt der älteste erhaltene von 1594. Der Verleger war William Jones, der Drucker wahrscheinlich Robert Robinson. Laut Faltung handelt es sich um ein Octavo, Größe und Form entsprechen allerdings dem Quarto, weshalb der Druck als solches bezeichnet wird. Von den drei Exemplaren, die im 20. Jahrhundert noch existierten, ist jenes der Landesbibliothek Kassel seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschollen, die beiden anderen stehen in der Zentralbibliothek Zürich und in der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg.10 Nachdrucke erfolgten 1598, 1612 und 1622.11

Quellen

1587 kam die zweite Auflage der Chronicles of England, Scotland and Ireland auf den Markt, die trotz des Todes von Ralph Holinshed Anfang der 1580er Jahre weiter unter seinem Namen erschien. Sie wurde ein Verkaufsschlager und diente zahlreichen Literaten der elisabethanischen Zeit als Quelle, so auch Marlowe.12

Weiters stützte Marlowe sich auf Robert Fabyans The New Chronicles of England and France und John Stows Annales.13 Ob er die mittelalterlichen Chroniken von Thomas Walsingham und Geoffrey le Baker ebenfalls benutzte, ist nicht erwiesen. Wahrscheinlicher als die lateinischen Vorlagen sind John Foxes Acts and Monuments von 1570, die eine kurze, aber informative Schilderung der Regentschaft bieten,14 sowie Richard Graftons Chronicle at large and meere History of the affayres of Englande von 1569.15

Themen

Die Welt, in die Marlowe seinen Edward II. setzt, ist eine elisabethanische, keine mittelalterliche,16 weshalb das Drama Fragen behandelt, die in der Handlungszeit weitgehend unbekannt, in der Entstehungszeit hingegen sehr aktuell waren.

Günstlingswirtschaft

Für The Massacre at Paris wie für Edward II könnte Marlowe das Pamphlet Histoire tragique et memorable de Pierre de Gaverston von Jean Boucher verwendet haben.17 Boas erkannte als Erster im früheren Stück einen Vorläufer des späteren,18 und neben Ähnlichkeiten in Figuren und Sprache verbindet beide das Verhältnis des Königs zu seinen Adeligen als Grundthema.19 Die Materie war zeitgemäß. Im Herbst 1583 sah Francis Walsingham sich genötigt, James VI. von Schottland, dem voraussichtlichen Erben der englischen Krone, am Beispiel Edward II. die Nachteile herrschaftlicher Günstlingswirtschaft vor Augen zu führen.20 Der Adressat blieb davon Zeit seines Lebens unbeeindruckt.

Begonnen hatte es mit Esmé Stewart, Seigneur D’Aubigny (1542-1583), einem Verwandten aus dem französischen Zweig der Familie. In England vermutete man, er werde den König gemeinsam mit dem Herzog von Guise, Mary Stuart, dem Vatikan und dem Katholischen Seminar zur Unterstützung einer katholischen Invasion über Schottland überreden. D’Aubignys Macht wuchs so weit, dass der Adel den König 1582 nach Schloss Ruthven einlud, ihn zehn Monate festhielt und zur Verbannung des Favoriten zwang.21

Wie bei Henri III. am französischen Hof kamen die meisten dieser Favoriten nicht aus dem Hochadel. Sichtbar wird die Parallele in der Transformation Gavestons. Historisch entstammte er einer adeligen Familie aus der Gascogne, die treu zur englischen Krone stand, bei Marlowe ist er ein Bürgerlicher, der über sexuelle Reize und Sinn für Ästhetik verfügt.22 Ob Henri III. oder James VI. tatsächlich intime Beziehungen zu ihren Höflingen unterhielten, ist dabei sekundär. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts machten zwei Herrscher in unmittelbarer Nachbarschaft Englands den Eindruck, in ihren Entscheidungen dem Willen ihrer Favoriten zu folgen. Edward II., Gaveston und Spencer mochten lange tot sein, das Problem war von brisanter Aktualität,23 worauf Marlowe hinwies. Wie haltbar die Analogie ist, zeigte Ralph Berry, der 2007 Tony Blair und Peter Mandelson mit dem Paar des Dramas verglich.24

Irland

Während der Regentschaft von Elizabeth I. schuf sich England ein Problem, das es bis heute nicht bewältigt hat. Henry II. hatte die grüne Insel 1169 seinem Reich eingegliedert, doch die Anglo-Normannen passten sich eher den irischen Gegebenheiten an als umgekehrt, und spätestens seit dem Hundertjährigen Krieg lag die Aufmerksamkeit der englischen Könige anderswo. Der Einfluss der Krone schrumpfte auf einige Quadratkilometer rund um Dublin, das sogenannte Pale, bis 1541 das englische und das irische Parlament beschlossen, dass der König von England zugleich König von Irland sei.

Die irische Sprache, Kultur, Ökologie, soziale Strukturen und neuerdings auch die Religion waren tatsächlich so verschieden, dass England fürchtete, von dieser Andersartigkeit infiziert zu werden.25 Obwohl die Frage spätestens ab den 1590er Jahren ins Zentrum der englischen Politik rückte, wurde sie im zeitgenössischen Drama nie explizit behandelt. Ihren Stellenwert offenbaren zahlreiche Analogien vor allem in Shakespeares Historien, aber auch beispielsweise in The Comedy of Errors.26

In Edward II wird Gaveston zur Verkörperung Irlands, das ungesehen außerhalb der Bühne liegt und dennoch eine Bedrohung darstellt.27 Für den König und seine Günstlinge ist es der rettende Hafen, für die Barone eine Brutstätte der Konspiration.28 So sah es auch das Publikum. Tatsächlich kooperierten die Iren mit Frankreich und Spanien, die England durch eine gemeinsame katholische Invasion in den Rücken fallen konnten. Das Reich lebte in der Angst, von hinten genommen zu werden.29 Irland war in der Lage, England zu sodomisieren, wobei der Begriff "sodomite" in der Frühen Neuzeit auf jeden anzuwenden war, der die allgemeine Vorstellung von Geschlecht, Klasse, Religion oder Rasse bedrohte.30 Genau diese Gefahr sieht der Hof von Gaveston ausgehen. Nicht die sexuelle Beziehung zwischen ihm und Edward II. macht ihm Angst, sondern die Penetration des politischen Körpers, den der König repräsentiert. Der Günstling gefährdet mit seiner Andersartigkeit das England im Drama, wie Irland es mit dem England Marlowes tat.31

Königsmord

Wurde ein Monarch früher zur Gefahr für sein eigenes Land, schützte ihn das Gottesgnadentum vor seinen Untertanen, selbst wenn diese zu Recht erzürnt waren. In der Tudorzeit galt noch der Grundsatz, dass auch dem tyrannischen Herrscher zu gehorchen sei, weil er dem Volk als Strafe Gottes auferlegt worden war. Die protestantischen Exilanten stellten diese Maxime während der Regierung von Mary I. infrage.

Wie gefährlich diese Kritik am Königtum von Gottes Gnaden war, zeigte sich gegen Ende des Jahrhunderts. Während der Religionskriege forderten die Hugenotten den Sturz eines Souveräns, der wider göttliches Recht oder das Wohl seines Landes handelt. Als nach der Ermordung Henri III. Frankreichs Krone an Henri de Navarre fiel, ging es in ihren Schriften plötzlich wieder um Erbmonarchie und die Unverletzlichkeit des Herrschers. Nun rechtfertigten die Katholiken, allen voran Jean Boucher, mit den Argumenten der Gegenseite die Beseitigung eines hugenottischen Königs. Genau diesem Dilemma sah sich Elizabeth I. ausgesetzt. Wenn es für die Protestanten legitim war, ihre katholische Cousine vom Thron zu stoßen, warum sollten die Katholiken mit ihr nicht ebenso verfahren wollen?32

Fanden schon die Machthaber keine Lösung, wie sollte es dann dem Volk gelingen. Was für den einen Untertan Loyalität war, konnte für den anderen selbstverständlich Verrat sein,33 denn die Katholiken sahen sich permanent von Protestanten bedroht und die Protestanten fürchteten eine internationale Verschwörung der Katholiken. Im Mittelalter konnte Edward II. sich ob seiner Absetzung und Ermordung noch als Ausnahme fühlen, ab dem 16. Jahrhundert begann es für jeden Herrscher zu einem realistischen Risiko. 1625, drei Jahre nach dem letzten Druck des Dramas, bestieg mit Charles I. ein König den Thron, dessen Verhalten an Marlowes Titelhelden erinnerte und der schließlich auch sein Schicksal teilte.34

Rezeption

Die zeitgenössische Aufnahme lässt sich schwer feststellen, da Anspielungen auf Edward II. das Drama oder die historischen Ereignisse betreffen können.35

Abgesehen von den auf dem Titelblatt von 1594 erwähnten Vorstellungen ist über Aufführungen in der elisabethanischen Epoche nichts bekannt. Unter James I. spielten die Queen’s Men das Drama zwischen 1604 und 1606 sowie 1617 im Red Bull.36 Das ging mit einem allgemeinen Interesse der Literaten an Edward II. einher, das von Richard Niccols über Francis Hubert bis zu Elizabeth Carys (1585-1639) The History of the Life, Reign, and Death of Edward II reicht, die vermutlich schon Ende der 1620er Jahre entstand und zum Vergleich mit James I. einlädt.37 Ein solcher Vergleich wurde auch politisch gezogen. 1621 stellte Henry Yelverton vor dem House of Lords George Villiers neben Hugh Spenser, den berüchtigtsten Günstling des Königs, und löste damit einen Skandal aus, der England mehrere Wochen beschäftigte.38 Ein Jahr später ging Marlowes Drama ein letztes Mal in Druck, das Titelblatt verweist auf die Aufführungen im Red Bull.39 Danach fiel wie über alle Werke Marlowes der Schleier des Vergessens.

1744 brachte Robert Dodsley das Stück in der Anthologie Select Collection of Old Plays wieder heraus, die erste Veröffentlichung eines Marlowe-Textes seit der Edition des Epyllions Hero and Leander von 1637.40 Charles Lamb gab Shakespeares Richard II zwar den Vorzug, lobte aber die Todesszene und leitete damit 1808 die Wiederentdeckung ein. Die wissenschaftlichen Analysen kreisten zunächst um die Frage, ob es sich um eine Historie oder eine Tragödie handelt.41 Dabei stand Marlowes Drama meist im Schatten von Richard II und den drei Teilen von Henry VI. Diese Werke entstanden etwa zur selben Zeit und beschäftigen sich ebenfalls mit der Absetzung rechtmäßiger Könige, weshalb sie oft herangezogen werden, ohne dass eine Einigung darüber erzielt worden wäre, welcher Dramatiker den anderen beeinflusst oder als Vorbild gedient hat.42

Die erste Aufführung seit dem 17. Jahrhundert war eine Inszenierung von William Poel am 10. August 1903 im New Theatre von Oxford mit Harley Granville-Barker in der Titelrolle.43 Das veranlasste George Bernard Shaw, dem Schauspieler brieflich seine Meinung über Stück und Autor mitzuteilen.

"There IS nothing in it – no possibility of success; and the infernal tradition that Marlowe was a great dramatic poet instead of a XVI century Henley throws all the blame of his wretched half-achievement on the actor. Marlowe had words & turn for their music, but nothing to say – a barren amateur with great air."44

Bereits 1905 folgte eine Produktion in Stratford-upon-Avon mit Frank Benson.45 Auf den Kontinent gelangte Edward II erst im 20. Jahrhundert. Karel Hilar inszenierte das Stück 1922 in Prag, Karl-Heinz Martin zeigte am 2. November 1923 im Berliner Schauspieltheater seine eigene Bearbeitung mit Ernst Deutsch und Heinrich George, ohne großen Erfolg.46 Am 19. März 1924 hatte Bertolt Brechts Das Leben Eduards des Zweiten von England an den Münchner Kammerspielen Premiere, in der aus dem Drama ein Stück über Klassengesellschaft und staatlichen Machtmissbrauch wurde.47 Ähnlich verfuhr Roger Planchon, der 1954 im Théâtre de la Comédie in Lyon eine Fassung nach der französischen Übersetzung von Arthur Adamov herausbrachte und sie zweimal überarbeitete, wobei er die marxistischen Tendenzen verschärfte.48

Homosexualität

Es ist ein Drama über Verführung, allerdings nicht im sexuellen Sinn. Marlowes Sprache zielt auf Suggestion, Überredung, Beeinflussung und Manipulation, sie führt das Umschwenken von Haltungen und Urteilen nicht nur vor, sondern vollzieht es.49 Analysen wie die von Debra Belt sind seltene Erscheinungen in der Flut von Betrachtungen über einen Aspekt, den Marlowe gar nicht thematisiert. Zugegeben, keines seiner Werke war in Aufführungspraxis und Interpretation vom gesellschaftlichen Wandel der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stärker betroffen. Was eine Bereicherung hätte sein können, wurde zur Bürde und führte zu einer nicht gerechtfertigten "[…] construction of Marlowe as a pioneer of gay liberation"50.

Nach 1903 gab es wiederholt Produktionen in England, die bekannteste 1958 bei der Marlowe Society in Cambridge, unter der Regie von Toby Robertson mit Derek Jacobi in der Titelrolle.51 Zehn Jahre später wurde die Zensur abgeschafft, was zuvor Undenkbares ermöglichte, etwa einen Edward, der Gaveston küsst. Definiert wurde das Stück auch bis dahin hauptsächlich über die Beziehung der beiden Figuren, nun ließ sich die Intensität ihrer Zuneigung andeuten. 1969 wurde Robertsons Inszenierung beim Edinburgh Festival ein großer Erfolg, was vor allem Ian McKellen zu verdanken war. Die BBC zeichnete sie im Studio auf, und als sie 1970 ausgestrahlt wurde, küssten sich erstmals in der britischen Fernsehgeschichte zwei Männer.52

Bereits 1946 war zu lesen gewesen, dass die Ermordung Edward II. durch Lightborn mit einem glühenden Schürhaken eine Parodie des homosexuellen Akts darstelle.53 Seit Beginn der 1990er Jahre dient diese Deutung als Basis für die Lesart des gesamten Dramas.54

"While reading Edward II through this lens is certainly provocative and even offers "producible interpretations," […] it need not be the only way to read or stage the play. In short, contemporary critics have been blinded by the red-hot spit."55

Geblendet wie sie waren, nahmen sie ihre Interpretation der Szene als pars pro toto für Marlowes Biografie, und die Mythografie erhielt neuen Aufwind. Auf Basis der im ausgehenden 19. Jahrhundert einsetzenden Ansicht, Dramenfiguren seien nur Manifestationen von Marlowes Ego, rückte das Erotische ins Zentrum. Während Faustus über seinen Glauben Auskunft geben soll, soll Edward II über sein Sexualleben informieren. Zwar lenkt der Dramatiker die Aufmerksamkeit auf die politischen Auswirkungen der Präferenzen des Königs,56 die Vorliebe selbst wird jedoch nicht thematisiert und ist auch nicht der Auslöser für den Widerstand des Adels.57 Für einige Kommentatoren ist das Drama dennoch Marlowes Bekenntnis zur ausgelebten Homosexualität,58 andere schließen gleich auf eine psychosexuelle Störung des Autors.59 Keinen von ihnen schien zu kümmern, dass die Elisabethaner Homosexualität gänzlich anders definierten, dass damalige Begriffe heute in völlig anderem Zusammenhang verwendet werden und dass es eine eindeutig homosexuelle Minderheit, die auf das Ausleben ihres Verlangens drängte, im England des ausgehenden 16. Jahrhunderts gar nicht gab.60

Interessant an der Verbindung zwischen Edward II. und Gaveston sind die Abweichungen vom elisabethanischen Ideal der Freundschaft, die Marlowe vornahm. Vorausgesetzt wurde, dass hohe Herrschaften und ihre unmittelbaren Klienten allesamt Edelmänner waren, und der Untergebene verlangte nie eine Gegenleistung.61 Gaveston, darauf weist das Drama permanent hin, ist von niedriger Geburt und erwartet sehr wohl belohnt zu werden. Hier kommt die für das elisabethanische Theater typische Ambivalenz zum Vorschein.62 Einerseits könnte Marlowe einen Hinweis geben, wie es um die Verbindung tatsächlich bestellt ist. Jemand hat einen Rang erreicht, der ihm nicht zusteht, und erhebt sich über die, die eigentlich über ihm stehen. Wie die Elisabethaner sie verstanden, war Homosexualität eine Sünde wider die Natur, aber auch wider die soziale Ordnung. Gaveston hat letztere durcheinandergebracht, vielleicht indem er erstere ebenso gestört hat. Andererseits könnte Marlowe gesellschaftskritische Absichten verfolgt haben, denn das viel besungene Ideal war längst einer Realität gewichen, in der Personen von Rang wie Lord Burghley Männer ins Vertrauen zogen, die gesellschaftlich unter ihnen standen.63

2004 spielte The Queen’s Company das Stück ausschließlich mit Frauen. Dem Magazin Time Out New York fiel dafür keine bessere Werbung ein als "Christopher Marlowe’s scandalous 1593 tragedy about a king and his male lover is given yet another twist of the wrist by the all-female Queen’s Company, performing in Samurai style."64 Diese Tragödie, die genaugenommen eine Historie ist, hatte keinen Skandal verursacht. Skandalöse Stücke ereilte im elisabethanischen England ein Schicksal wie The Isle of Dogs von Thomas Nashe und Ben Jonson. Die Aufführung wurde verboten, etliche Mitwirkende kamen ins Gefängnis, dem Theater wurde die Zulassung entzogen und sämtliche Texte vernichtet. Nicht Marlowe oder die Elisabethaner hatten ein Problem mit Edward II, wir haben seit langer Zeit eines. Weil unsere Gesellschaft noch immer zögert, Homosexualität zu akzeptieren, wird das Drama kontrovers betrachtet, obwohl die intime Beziehung zwischen Edward II. und Gaveston gar nicht sein Thema ist.65

Übersetzungen

Die erste bekannte deutsche Übersetzung veröffentlichte Karl Eduard von Bülow 1831 im ersten Band seiner Alt-Englischen Schaubühne.66 Fünfzig Jahre später folgte Robert Prölß mit dem Eröffnungsband des Altenglischen Theaters, der neben je einem Drama von Kyd und Webster auch Edward II. enthielt.67 Die englische Bühne zu Shakespeare’s Zeit (1890) beinhaltet Eduard der Zweite in der Übertragung von Ferdinand Adolph Gelbcke.68 Alfred Walter Heymels Fassung, auf der Brechts Bearbeitung aufbaute, erschien 1912. Hanno Bolte und Dieter Hamblock brachten 1981 die bis dato einzige kommentierte Übersetzung heraus.69

Für die Bühnen entstanden zuletzt mehrere weitere, darunter die 1999 an den Berliner Kammerspielen gespielte von Eva Walch, Die unselige Herrschaft und der klägliche Tod Edwards des Zweiten, König von England mit dem tragischen Sturz des stolzen Mortimer von Wolfgang Swaczynna und Edward II.: König Bube Dame von David Gieselmann und Hanno Hener.

Das Wiener Burgtheater zeigte das Stück zweimal. Die Produktion von Konrad Swinarski und Gerhard Klingenberg hatte am 18. Mai 1972 in einer Übersetzung von Rudolf H. Weys Premiere. Claus Peymanns Inszenierung wurde am 21. Februar 1998 im Kasino am Schwarzenbergplatz gezeigt, für sie legten Hermann Beil, Jutta Ferbers und der Regisseur verschiedene Übersetzungen zugrunde.

Bearbeitungen in anderen Medien

David Bintley choreographierte 1995 für Stuttgart das Ballett Edward II, ein Auftragswerk mit der Musik von John McCabe.70

Die Studioaufzeichnung der Produktion mit Ian McKellen wurde 1970 ausgestrahlt. 1982 entstand ein französischer Fernsehfilm mit Philippe Clévenot, Bertrand Bonvoisin und Hélène Vincent unter der Regie von Bernard Sobel. 1991 erschien Derek Jarmans Edward II, eine eigenwillige und im Sinne der Rezeption von Christopher Marlowe sowie seinem Werk höchst problematische Verfilmung.

In der Reihe Vivat Rex 1 brachte BBC Radio 4 1977 eine Hörspielversion mit John Hurt und Richard Burton heraus.


Aktualisiert am 26.07.2026

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