1952 fanden im Corpus Christi College in Cambridge Umbauarbeiten statt. Dabei wurden zwei Eichenpaneele entfernt, die ein Student zum Bau eines Hi-Fi-Regals verwenden wollte. Als er entdeckte, dass sie bemalt waren, brachte er sie zum Bibliothekar John Patrick Tuer Bury. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie ging an die National Portrait Gallery, die jedoch keine Angaben zur abgebildeten Person machen konnte. Da die Paneele in schlechtem Zustand waren, beauftragte das College Holder & Sons mit der Restaurierung. Seither hängt das Gemälde wieder an seinem Ort.1

Anonym: Portrait eines jungen Mannes. 1585. Corpus Christi College. Cambridge (CC0)
Provenienz, Maler und Modell sind bis heute unbekannt. Das Bild misst etwa 45,72 x 60,96 cm. In der oberen linken Ecke steht "Ætatis suae 21 1585" – Alter 21, Jahr 1585. Die Angaben würden mit Marlowes Daten übereinstimmen. Er hätte damals gerade seinen BA gemacht – ein erfreuliches Ereignis, aber sicher nicht von solchem Ausmaß, dass der Sohn eines Schuhmachers auf die Idee verfallen könnte, sich porträtieren zu lassen. Die Kleidung des Dargestellten ist für einen Handwerkersohn ohnehin viel zu kostbar.
Von besonderem Interesse ist die Inschrift: "Quod me nutrit me destruit." (Was mich nährt, zerstört mich.) Weder eine griechische noch eine lateinische Quelle wurde bislang gefunden, die Suche in der englischsprachigen Literatur blieb ebenso erfolglos. Den Elisabethanern war immerhin das verwandte Motto "Quod me alit me extinguit." geläufig, aber in keinem Werk Marlowes erscheint die Inschrift. Bei Shakespeare hingegen findet man zwei Variationen der Phrase:
"Thaisa: A burning torch that’s turned upside down;
The word, 'Quod me alit, me extinguit.'
Simonides: Which shows that beauty hath his power and will,
Which can as well inflame as it can kill."2
Und in Sonett 73:
"In me thou seest the glowing of such fire,
That on the ashes of his youth doth lie,
As the death-bed, wereon it must expire,
Consum’d with that which it was nourish’d by."3
Das Corpus Christi College hat nie behauptet, auf dem Bild sei Marlowe zu sehen. Es war Calvin Hoffman, der zwei Jahre nach der Entdeckung des Gemäldes Parallelen zum Droeshout-Stich von 1623 erkannt haben wollte und daraus schloss, das Cambridge-Portrait zeige Marlowe – was seine Theorie, Marlowe habe auch Shakespeares Werke verfasst, stützten sollte.4 Einen Beleg dafür gibt es nicht. 1585 hatte das Corpus Christi 111 Studenten, von denen schätzungsweise ein Siebentel in jenem Jahr 21 wurde.5 Selbst wenn Marlowe die finanziellen Mittel gehabt hätte – woran zu zweifeln ist6 – gab es keinen Grund für ein Portrait. Seine Karriere verlief nicht so, wie das Corpus Christi es von einem Parker-Stipendiaten erwartete. Er war eher abschreckendes Beispiel als Vorbild.
Trotzdem gilt das Cambridge-Portrait seit über fünfzig Jahren als das Marlowe-Bildnis schlechthin. Widerspruch regt sich erst seit einigen Jahren.7 Wissenschaftler, die Hoffmans übrige Thesen strikt ablehnen, klammern sich ausgerechnet an diese – vermutlich weil niemand eingestehen will, dass wir nicht wissen, wie Marlowe tatsächlich ausgesehen hat.8