Als Marlovians (Marlowianer) werden Leute bezeichnet, die seit Mitte der 1950er Jahre der Theorie Calvin Hoffmans folgen und glauben, Christopher Marlowe hätte seinen Tod 1593 überlebt, um danach die Werke zu schreiben, als deren Autor allgemein William Shakespeare gilt.
Den Anfang machte 1819 eine anonyme Besprechung in der Monthly Review, die erstmals fragte, ob Marlowe und Shakespeare nicht dieselbe Person gewesen sein könnten. Verfasser war, wie sich herausstellte, William Taylor, der die These freilich nie ernsthaft vertreten hat. Er spielte absichtlich beide Seiten aus und verteidigte Marlowes Existenz kurz darauf im Monthly Magazine, um die Wissenschaft dazu zu bringen, sich eingehender mit dem damals kaum bekannten Marlowe zu beschäftigen.1
Wilbur Gleason Zeigler gab 1895 einer ähnlichen Vorstellung eine fiktionale Form: In It Was Marlowe überlebt der Dichter seinen fingierten Tod in Deptford und schreibt fortan unter dem Pseudonym William Shakespeare.2 Wenige Jahre später veröffentlichte Mendenhall stilometrische Untersuchungen, die ihn zu der Frage führten, ob nicht doch Marlowe auch Shakespeare war, und tatsächlich wurden danach Stimmen laut, die auf einer solchen Anerkennung pochten.3 All das geschah, bevor Hotson 1925 den Untersuchungsbericht zu Marlowes Ermordung fand.4
Calvin Hoffmans The Murder of the Man Who was Shakespeare von 1955, vom Verfasser als seriöser Forschungsbeitrag gemeint, erscheint vor diesem Hintergrund umso abwegiger: Weil der Privy Council Marlowe ausliefern wollte, habe er nach vorgetäuschtem Tod auf den Kontinent geflohen, seine Manuskripte nach England geschickt und sich dabei eines gewissen William Shakespeare als Strohmann bedient.5
Seitdem gibt es Marlovians. Verglichen mit ihren Theorien ist jeder Dan Brown-Roman ein profund recherchierter Tatsachenbericht, aber an trüben Tagen in düsterer Stimmung hebt das Lesen ihrer Ausführungen stets die Laune. Das darf man allerdings nicht laut sagen. Denn es handelt sich um eine von diesen Verschwörungstheorien
"[…] wie sie im Zusammenhang mit Shakespeare seit der Romantik, vorwiegend bei eher literaturfernen Kreisen, üppig ins Kraut schießen. Dafür sorgt eine kunterbunte Fantasy-Abteilung der Literaturgeschichte, die ihr Steckenpferd mit ähnlicher Hingabe reitet wie jene englischen Sherlock-Holmes-Fans, die ewig neue Details aus dem Privatleben ihres Idols zutage fördern – nur meist mit etwas weniger Humor. Denn man sieht sich, ungeachtet aller Divergenzen, einhellig als Opfer einer finsteren Verschwörung, angezettelt von den vermeintlichen Experten, um das Geheimnis des wahren Shakespeare im Dunkeln zu lassen. Und der zu erwartende Spott der Uneinsichtigen schlägt wohl im Voraus aufs Gemüt."6
Es gibt tatsächlich mehrere solcher Gruppierungen, die mit Kreuzzugsmentalität ihren jeweiligen Kandidaten als den wahren Shakespeare durchzusetzen versuchen. Man hat manchmal den Eindruck, die eigentlichen Gegner der Marlovians sind die Oxfordians – jene, die Edward de Vere, Earl von Oxford, für den Verfasser von Shakespeares Œuvre halten.7 Beiden Lagern gemeinsam ist die Tendenz, die Urheberschaft sämtlicher englischen Schriftstücke dieser Zeit – von der Suprematsakte über Hamlet bis zum Kochrezept – dem eigenen Favoriten zuzuschreiben.8
Ich schlage daher vor, sich auf eine neue Theorie zu einigen: In dieser Ära haben nur zwei geniale Schriftsteller existiert – de Vere und Marlowe. Beide haben unabhängig voneinander, in identischer Form, alle Texte der infrage kommenden Epoche geschrieben. Da weder Marlovians noch Oxfordians in dieser Sache Spaß verstehen, füge ich es ausdrücklich hinzu: Das ist ein Witz. Man möge sich bitte nicht auf die Suche nach "Beweisen" machen.