Die rätselhafteste und umstrittenste Quelle über Christopher Marlowe ist die sogenannte Baines Note. Richard Baines, der erfolglose Spion aus dem Katholischen Seminar und Vlissingen, gab zu Protokoll, was Marlowe angeblich über Religion und Gottes Wort gesagt hätte: Moses sei ein Betrüger gewesen, Religion diene nur zur Unterdrückung, Jesus der Bettgenosse des Johannes. Er selbst könne eine bessere Religion erfinden. Zudem hätte er dasselbe Recht, Münzen zu prägen wie die Königin. All dies müsse eigentlich allgemein bekannt sein, da Marlowe jeden, den er treffe, zum Atheismus zu bekehren versuche. Trotzdem war es ausgerechnet Richard Baines, der die Obrigkeit darüber informierte.
Zwei Fassungen, viele Fragen
Wann genau die Baines Note verfasst, an wen sie übergeben und ob sie weitergereicht wurde, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Erschwerend kommt hinzu, dass es zwei Fassungen gibt, eine undatierte und eine vom Pfingstsamstag, den 11. Juni 1593. In letzterer fehlen alle Passagen ohne Bezug zu Marlowes Religionsansichten sowie die Randbemerkung zu Walter Raleigh und Thomas Harriot.1
Machte Richard Baines seine Vorwürfe vor oder nach Marlowes Tod? Stammen die Aussagen tatsächlich von Marlowe? Und was bewog Baines überhaupt dazu, sie zu Protokoll zu geben? Angesichts der Fakten und der Zustände im elisabethanischen England lassen sich Wahrscheinlichkeiten ausmachen, aber keine zufriedenstellenden Antworten geben.
Gefährliches Terrain
Obwohl England etwa im Gegensatz zu Spanien als ziemlich liberal galt, war es weder der richtige Ort noch die passende Zeit für freimütige Gedanken.2 Selbst aus heutiger Sicht lächerlich anmutende Äußerungen konnten einen rasch in Lebensgefahr bringen. Verglichen mit der Baines Note sind die Dutch Church Libel oder die Abschrift aus The Fall of the Late Arrian, die bei Thomas Kyd gefunden wurde, geradezu harmlos. Nichtsdestotrotz wurde Kyd verhaftet, eventuell gefoltert3, von seinem Gönner fallengelassen und fand bis zu seinem Tod keine neue Anstellung mehr. Hätte der Privy Council oder eine andere maßgebliche Instanz zu Marlowes Lebzeiten vom Inhalt der Baines Note gewusst und ihr Glauben geschenkt, wäre Marlowe kaum mit der milden Auflage, sich täglich zu melden, davongekommen.
Wiederverwendete Klischees
Wer auch immer die Baines Note verfasste, war nicht sonderlich originell. Marlowes angebliche Ansichten über Atheismus und Homosexualität ähneln auffällig den haltlosen Vorwürfen gegen den Earl of Oxford von 1580.4 Wie Alec Ryrie darlegt, musste man solche Aussagen nicht erfinden, es gab je nach Bedarf zahlreiche Stereotypen zur Verwendung.5 Das erklärt auch weitere Parallelen. Thomas Kyd schilderte Marlowe nach dessen Tod in verblüffend ähnlicher Weise wie Richard Baines, der seinerseits Gemeinsamkeiten zwischen seinen Geständnissen im Katholischen Seminar und den Vorwürfen gegen Marlowe erkennen lässt.6 Dass beide unabhängig voneinander erst im Juni 1593 auf die Idee kamen, die Behörden zu informieren, obwohl Marlowe seine Ansichten angeblich überall und jedem gegenüber äußerte, erscheint mehr als fragwürdig.
Ein hartnäckiges Dokument
Der Wahrheitsgehalt der Baines Note ist höchst zweifelhaft. Bis Genaueres über das Leben von Baines bekannt wurde, sah man sie noch als "[…] master key to the mind of Marlowe."7 Davon kann längst keine Rede mehr sein. Trotzdem erfreut sich das Dokument anhaltender Beliebtheit, so diente es noch 1980 als Einstieg für eine Aufführung von Doctor Faustus, als ob es irgendetwas zum Verständnis des Stücks beitragen könnte.8
Was sagt uns die Baines Note über Christopher Marlowe? Vielleicht ein wenig über seinen Charakter und seine Ansichten, wobei höchstens ein Bruchteil der Aussagen tatsächlich so von ihm stammen dürfte. Viel wichtiger aber: Über Marlowes Werk verrät sie uns rein gar nichts.