(Der leidenschaftliche Schäfer an seine Liebe) ist das einzige Gedicht, das heute eindeutig Christopher Marlowe zugeschrieben werden kann. Es war seit Ende der 1580er Jahre bekannt und zählt zu den am häufigsten paraphrasierten und vertonten Gedichten im angloamerikanischen Raum.
Inhaltsverzeichnis
Text
Das Gedicht existiert in mehreren Versionen. Die bekannteste besteht aus 6 Strophen zu je vier Versen im achtsilbigen Jambus mit dem Reimschema aabb.
Entstehung
1599 oder 1598 veröffentlichte William Jaggard die Anthologie The Passionate Pilgrim. Sie enthält 20 Gedichte, die laut Titelblatt allesamt von William Shakespeare stammen. Diese Behauptung war bereits damals nicht haltbar.
Gedicht XIX aus The Passionate Pilgrim erschien 1600 in einer abgeänderten Form in John Flaskets Anthologie England’s Helicon. Darin erhielt das Gedicht erstmals den Titel The Passionate Shepherd to His Love und wurde Christopher Marlowe zugeschrieben. Marlowes Autorenschaft wird nicht angezweifelt. Falls er tatsächlich nicht der Verfasser war, war er von dem Gedicht zumindest sehr beeindruckt. In seinen Dramen wird es insgesamt 14 Mal zitiert oder paraphrasiert. Zu den bekanntesten Stellen zählen der Beginn von Dido, Queen of Carthage sowie Ithimores Liebeserklärung an Bellamira im dritten Akt von The Jew of Malta. Forsythe schließt aus den Parallelen in den Dramen auf eine Entstehungszeit um 1588. Obwohl er dabei The Jew of Malta recht früh datiert, ist die Annahme schlüssig, da das Gedicht seit Ende der 1580er Jahre in der englischen Literatur bekannt war.1
Quellen
Lange galt Ovids Metamorphoses, Buch XIII, 789-839, als wichtigste Quelle des Gedichts.2 Darin beschreibt der verliebte Zyklop Polyphem der Nymphe Galatea seinen Besitz sowie die Geschenke, die er ihr überlassen würde, wollte sie ihn nur erhören. Schäfergedichte waren Ende des 16. Jahrhunderts keine Seltenheit. Was Marlowes Gedicht von allen anderen unterscheidet, ist die "Einladung zur Liebe" – ein literarisches Stilmittel, das erst durch ihn Einzug in die englische Literatur hielt.3 Für die Verbindung von Einladung und locus amœnus kommen noch andere Vorbilder infrage.4 Das Hohelied enthält drei Stellen (2,10-14; 4,8 und 7,12-13), in denen Mann oder Frau den Partner zur Liebe an einen schönen Ort einladen. In dieser Tradition steht auch Iam, dulcis amica, venito,5 das älteste erhaltene Liebeslied des Mittelalters.6 In dessen ersten Strophen lädt ein Mann seine Geliebte in sein Zimmer, wo allerlei Annehmlichkeiten auf sie warten, bevor ein Gespräch der beiden zum eigentlichen Liebesvollzug überleitet.
Ob Marlowe sich überhaupt von einem dieser Werke inspirieren ließ, ist unsicher.
Thematik
Die Interpretationen dieses Gedichts sind sehr unterschiedlich. Marlowe entwirft eine Carpe-diem-Philosophie, die den Liebenden über den Übergang zu sinnlichen Freuden eine zeitlose Welt eröffnet.7 Zu Beginn wird ein locus amœnus geschaffen. In den folgenden drei Strophen verwandeln sich Teile dieser Landschaft in Bekleidung für bestimmte Teile des weiblichen Körpers.8 Die aufgezählten Materialien überraschen dabei, denn Gold, Korallen und Bernstein sind für das einfache ländliche Leben der Schäfer untypisch.9
Zwar wird das Gedicht gerne der Pastorale zugeordnet, und der Titel, den es seit 1600 trägt, legt das nahe, doch genau betrachtet geht aus dem Text nicht hervor, wer die Einladung ausspricht. Tatsächlich verspricht eine Figur der anderen nur, dass Schäfer sie mit Gesängen und Tänzen unterhalten werden. Die sprechende Instanz selbst scheint dieser Gruppe nicht anzugehören, dürfte aber einen höheren sozialen Status haben, da sie über Gaben verfügt, die dem Gegenüber verwehrt sind.10 Selbst das Geschlecht der beiden bleibt offen. Das hält Bruce R. Smith nicht davon ab, zu behaupten, das Gedicht "[…] attempts to seduce the beloved – and us as readers – with promises of a homoerotic idyll […]".11 Manche betrachten die Fülle der Versprechungen gepaart mit dem Schweigen der angesprochenen Seite als Nötigung, wenn nicht sogar als Vergewaltigung.12 Weit darüber hinaus geht Patrick Cheney, für den es auch politische und philosophische Bedeutung hat.13
Rezeption
Das Gedicht war von Beginn an enorm beliebt. Zwischen 1599 und 1770 erschien es in nicht weniger als 22 Werken oder Neuauflagen. Emily Carroll Bartels und Emmy Smith vergleichen seine Wirkung auf die damalige Kulturszene mit einem Pop-Hit, der zum Soundtrack einer ganzen Generation wurde.14 Die früheste Paraphrase dürfte in Robert Greenes Menaphon (1589) zu finden sein.15 Auf der Bühne war es 1597 Shakespeare, der Marlowe nahezu wörtlich zitierte, indem er Sir Hugh Evans in The Merry Wives of Windsor (III, 1) Auszüge des Gedichts singen lässt.16
In England’s Helicon steht gleich nach Marlowes Gedicht The Nymph’s Reply to the Shepherd, für das Flasket keinen Verfasser angab und das mittlerweile Sir Walter Raleigh zugeschrieben wird. Eine Variation der ersten Strophe war unter der Überschrift "Love’s Answer" bereits im Passionate Pilgrim erschienen. The Nymph’s Reply bedient sich desselben Metrums wie The Passionate Shepherd, kehrt allerdings die Angebote des Schäfers ins Negative. In The Bait (1597) lässt John Donne einen Fischer seine Angebetete mit einem Köder vergleichen, dem kein Fisch widerstehen kann. Das sind die beiden bekanntesten Reaktionen auf Marlowes Gedicht.
Über die Jahrhunderte zählt The Passionate Shepherd zu den am häufigsten imitierten Gedichten der englischen Literatur.17 Zu den Autoren, die es reflektieren, gehören unter anderem John Lyly, Michael Drayton, Thomas Lodge, George Chapman, Ben Jonson, Thomas Campion, John Milton, John Keats, Percy Bysshe Shelley, William Wordsworth, Alfred Lord Tennyson18 oder William Faulkner19. Es bleibt, wie es prägnant heißt, "the first, the best known, and the most influential invitation poem in English."20
Vertonung
Das Gedicht wurde auch in der Musik rasch populär. William Corkine veröffentlichte 1612 im Anhang seines Second Booke of Ayres Übungsstücke für die Lyra viol, eine englische Variante der Bassgambe. In einer dieser Übungen steht die erste Zeile von Marlowes Gedicht als Text. Nebenbei ergibt sich daraus ein biografisches Detail, denn der Vater des Komponisten war jener William Corkine, mit dem Marlowe 1593 in Canterbury eine handfeste Auseinandersetzung samt gerichtlichem Nachspiel hatte.
Vermutlich war Corkine nicht der Erste, der das Gedicht vertonte.21 In der Shakespeare-Ausgabe von Samuel Johnson und George Steevens ist im Kommentar zur Verwendung des Gedichts in The Merry Wives of Windsor eine Melodie abgedruckt. Dazu schrieb der Musikhistoriker Sir John Hawkins: "This tune to which the former was sung, I have lately discovered in a MS. as old as Shakespeare’s time, […]"22 Mehr verriet Hawkins darüber nicht, das erwähnte Manuskript ist bis heute nicht aufgetaucht.23 Damit bleibt Corkines Komposition die früheste bekannte Vertonung von The Passionate Shepherd.
Der Melodie war großer Erfolg beschieden. Zwischen 1619 und 1629 druckte Thomas Symcock eine sogenannte "Broadside ballad" (billig produzierte Flugblätter, die Balladen oder Gedichte meist mit Bildern zeigten). Der zweispaltige Text zeigt unter dem Bild eines Mannes Marlowes Gedicht, daneben, unter dem Bild der Frau, Raleighs Antwort, die zur selben Melodie gesungen werden sollte, was in der Praxis vermutlich auch geschah. Izaak Walton schildert 1653 in The Compleat Angler, wie eine Milchmagd singt: "it was that smooth song which was made by Kit Marlow, now at last fifty years ago."24 und ihre Mutter mit The Nymph’s Reply antwortet.
Seit dem 17. Jahrhundert wird Corkines Komposition immer wieder neu arrangiert oder Marlowes Gedicht neu vertont, besonders in der Chorliteratur. Die folgende Liste erhebt absolut keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern bietet nur einen allgemeinen Überblick über die Vertonungen der letzten Jahrhunderte.
| Komponist | Titel | Werk | Jahr |
|---|---|---|---|
| Corkine, William | Come Live With Me | Second Booke of Ayres | 1612 |
| Chilcot, Thomas | Come Live With Me And Be My Love | The Twelve English Songs | 1744 |
| Bennet, William Sterndale | Come Live With Me | 1846 | |
| Hatton, John Liptrot | Come Live With Me | Vocal Beauties: A Collection Songs and Ballads | ca. 1870 |
| Marzials, Theo | Come Live With Me | Pan Pipes | 1883 |
| Fine, Vivian | Passionate Shepherd | 1938 | |
| James, Trevor | Come Live With Me | Richard III | 1995 |
| Kamen, Michael | Live With Me And Be My Love | When Love Speaks | 2002 |
Théophile-Jules-Henri Marzials Komposition ist vorrangig der Zusammenarbeit mit dem Maler Walter Crane wegen erwähnenswert.

Marzials, T. (Ed.). (1883). Pan Pipes: A Book of Old Songs. London: Routledge. p, 9
John Liptrot Hattons Melodie wurde für die Anfangsmusik des Films Come Live With Me (Komm, bleib bei mir) mit Hedy Lamarr und James Stewart verwendet.25 Trevor Jones' Vertonung ist Teil der Filmmusik von Richard III mit Ian McKellen. Die Handlung ist in ein England der 1930er Jahre verlegt, weshalb das Lied, das Stacey Kent zu Beginn des Films singt, musikalisch an diese Zeit angelehnt ist.26 Annie Lennox sang Michael Kamens Komposition für die CD When Love Speaks, die sonst ausschließlich Rezitationen und Vertonungen von William Shakespeares Werken enthält.
Übersetzungen
Im deutschsprachigen Raum ist das Gedicht unbekannt. Gerade der Beginn von Heinrich Heines Tragödie (1844) erinnert daran:27
"Entflieh mit mir und sei mein Weib,
Und ruh an meinem Herzen aus;"28
Die einzige Übersetzung, die ich bislang finden konnte, stammt von Walter A. Aue und dürfte nicht im Druck erschienen sein.29