Geheimdienst

Dass geheimdienstliche Tätigkeiten ausgerechnet im elisabethanischen England erstmals politische Bedeutung erlangten, ist auf den ersten Blick verwunderlich. Die geografische Lage machte einen Geheimdienst für die Landesverteidigung nicht lebenswichtig – eine Invasion zur See war weitaus offensichtlicher als eine zu Lande.1 Natürlich gab es eine ganze Menge Leute, die direkt für die englische Krone oder königliche Berater arbeiteten, aber keiner verfügte auch nur annähernd über die Fähigkeiten und Kontakte von Francis Walsingham. Für ihn waren über fünfzig Informanten in etwa vierzig verschiedenen Städten tätig – von Rom bis Amsterdam, von Konstantinopel bis Lissabon – doch so etwas wie ein fester Stab existierte nicht. Spion war eine Nebenbeschäftigung: Fast kein Agent erhielt ein reguläres Einkommen, die meisten wurden je nach Bedarf engagiert, die Bezahlung hing von der Natur des Auftrags ab.2

In Ermangelung von Massenmedien war ein erheblicher Teil der Informationen, die Walsingham archivierte, von der Art, wie man sie heute in Zeitungen liest. Sein Wissen erstreckte sich keineswegs nur auf ausländische Bürger und Würdenträger. Die Grenze zwischen Geheimdienst – der übrigens erst nach 1603 als "Secret Service" bezeichnet wurde3 – und Geheimpolizei war schon im 16. Jahrhundert fließend. Von Beginn an setzte man auf die Mitarbeit von Schriftstellern, einer Tradition, die bis in die Gegenwart andauert. Nicht zufällig rekrutierte man bevorzugt unter jungen, gebildeten, reisewilligen Männern, die Latein beherrschten, sich in mehreren Sprachen bewegten und gesellschaftlich nirgendwo ganz festgelegt waren.4

Nachrichten sammeln war jedoch nicht Walsinghams einzige Aufgabe. Einem Geheimdienst geht es ähnlich wie einer Armee: Nichts macht ihn so notwendig wie eine Bedrohung. Walsingham sah sich daher gezwungen, seine Existenz zu rechtfertigen – und die Mittel, die ihm zur Verfügung standen. Erschwerend kam hinzu, dass bezahlte Zuträger dazu neigten, Informationen zu kreieren, um zu einem entsprechenden Entgelt zu kommen. Mit Hilfe von Lockspitzeln erschuf er Bedrohungen für den Staat, die ohne sein Zutun vielleicht nie existent geworden wären – um sie dann zu beseitigen und politischen Vorteil daraus zu ziehen. Sein Meisterstück war die Babington-Verschwörung, die in der Exekution Mary Stuarts mündete.5

Etliche seiner Agenten verbrachten einen ansehnlichen Teil ihrer Zeit in Gefängnissen, vor allem in englischen. Einerseits schickte man sie bewusst dorthin, um Informationen zu sammeln. Andererseits war eine Geheimdiensttätigkeit damals schwer nachzuweisen – selbst für die Obrigkeit war nicht immer ersichtlich, wer da wen ausspionierte. Der loyale Informant von heute konnte morgen ein Verräter sein. Nicht aus Patriotismus spionierte man, sondern um des Geldes willen. So entstand in Sir Edward Stafford, der 1583 englischer Botschafter in Paris wurde, der erste bekannte Doppelagent der Neuzeit.6

Das Schreiben des Privy Councils an das Corpus Christi College in Cambridge bescherte Christopher Marlowe nicht nur seinen akademischen Grad, sondern Jahrhunderte später einen ganz speziellen Nachruhm – es bildet die Basis für die Vorstellung von Marlowe als Geheimagent im Dienste Ihrer Majestät. Nicht allein Romanautoren, auch Wissenschaftler sehen in ihm einen Vorläufer von James Bond.7 Nur war Geheimagent kein etablierter Berufszweig und hatte wenig bis nichts mit dem zu tun, was man heute darunter versteht. Wenn es so etwas wie eine Geheimdienstaktivität von Marlowe gegeben hat, dann entsprach sie vermutlich am ehesten dem, was laut Frederick Forsyth zahlreiche Freiwillige für den britischen Geheimdienst ausführen:

"Sie stammen aus den unterschiedlichsten Berufssparten, die alle mit Reisen verbunden sind. Sie können sich vielleicht bereit erklären, während einer Geschäftsreise ins Ausland ein Päckchen abzuholen, einen Umschlag in einen toten Briefkasten zu hinterlegen, eine Zahlung vorzunehmen oder einfach nur die Augen und Ohren offen zu halten und sich bei der Heimkehr einer freundlichen Nachbesprechung zu unterziehen."8


Aktualisiert am 18.06.2026

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