Schule der Nacht

Im Herbst 1591 erließ Elizabeth I. eine Proklamation gegen die Priester und Jesuiten des Katholischen Seminars. Der englische Jesuit Robert Persons reagierte mit einer lateinischen Schmähschrift gegen die Königin, in der er behauptete, Walter Raleigh werde zum Mitglied des Privy Councils ernannt und seine atheistische Politik in England einführen. Die englische Zusammenfassung dieser Schrift, bekannt als An Advertisement Written to a Secretary of My L. Treasurers of England, by an English Intelligencer as He Passed through Germany towards Italy, geht auf Raleighs eventuelle Ratsmitgliedschaft nicht ein, behauptet aber:

"Of Sir Walter Raleigh’s school of atheism by the way, […] and of the diligence used to get young gentlemen to this school, wherein both Moses and our Savior, the Old and New Testament are jested at, and the scholars taught among other things to spell God backward."1

Der Begriff "Schule der Nacht" selbst stammt aus Shakespeares Love’s Labour’s Lost:

"O paradox! Black is the badge of hell,
The hue of dungeons, and the school of night;
And beauty’s crest becomes the heavens well." 2

Das Zitat handelt von Rosalines schwarzen Haaren. Weder daraus noch aus dem Drama insgesamt geht hervor, dass die Schule der Nacht einen realen Ort oder eine tatsächliche Vereinigung bezeichnete.3

1903 vermutete Arthur Acheson, der Begriff könne einen Kreis um George Chapman bezeichnen, den er für Shakespeares Rivalen hielt.4 In den 1930er und 1940er Jahren galt die Existenz der Schule der Nacht als erwiesene Tatsache, gegen die kaum Einspruch erhoben wurde.5 Muriel C. Bradbrook beschrieb eine illustre Vereinigung, die sich regelmäßig in Durham House, Raleighs Stadtresidenz, eingefunden haben soll:

"Ralegh was the patron of the school; Thomas Harriot, a mathematician of European reputation, was its master. It probably included the earls of Northumberland and Derby, and Sir George Carey, with the poets Marlowe, Chapman, Matthew Roydon and William Warner. They studied theology, philosophy, astronomy, geography and chemistry: and their reputations differed as widely as their studies."6

Diese Gruppe ignorierte alle Konventionen und Vorsichtsmaßnahmen:

"[…] that the school did not disclose its opinions to the generality: that it enjoyed scandalzing the godly and confounding the dogmatic; that it was provocative and irreverent, out of deliberate policy or natural devilment or both."7

Das klingt nach Freiheit, Revolution, Spannung, Mysterium, Intrige – hätte es die Schule der Nacht nicht gegeben, man hätte sie erfinden müssen. Und genau das hat man auch, oder wie Lindsay Ann Reid es formuliert: die Schule der Nacht driftete vom ausdrücklich Mutmaßlichen zur als Wahrscheinlichkeit präsentierten Mutmaßung zur als historische Gewissheit präsentierten Tatsache.8

Da keine Belege für die Existenz solch einer Vereinigung oder eine Verbindung aller angeblichen Mitglieder zueinander gefunden werden konnten, verwies die Forschung um die Mitte des 20. Jahrhunderts die Schule der Nacht ins Reich der Mythen und Legenden. Just in diesem Augenblick wurde sie, wer hätte es vermutet, von den Marlovians entdeckt.9 Ihr eigentliches Potenzial konnte die Schule der Nacht allerdings erst in der fiktionalen Literatur entfalten, wo sie auch eindeutig hingehört.10


Aktualisiert am 28.06.2026

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