Der "marlowesche Held" (marlovian hero) ist ein Sammelbegriff für die gänzlich neuen Charaktere, die Marlowe erstmals auf die Bühne brachte. Dabei handelt es sich um Soziopathen, die mit ungehemmtem Individualismus, ans Absurde grenzender Maßlosigkeit sowie bemerkenswerter Professionalität jegliche Grenzen überschreiten. Dass sie damit teilweise erfolgreich sind und vom Publikum bewundert wurden, negierte den moralischen Erziehungswert, den das damalige Theater erfüllen sollte, völlig.
Bereits in seinem ersten großen Drama Tamburlaine manifestierte Marlowe eine Art Programm, dem er in allen Stücken treu blieb. Stets wird eine grandiose Sprache den erbarmungslosen Taten seiner Figuren gegenüberstehen,1 die einer Schönheit des Grauens verfallen sind2. Jeder seiner Helden wird bar von Freundlichkeit3 mit brutaler Hartnäckigkeit nach Selbstverwirklichung streben,4 was ihn im Widerspruch zu einer höheren Autorität stehen lässt5. Seine Protagonisten sind Besessene, angetrieben von dem Verlangen nach Land, Geld, Macht oder Wissen.6 Keines seiner Dramen endet – ganz im Gegensatz zu Shakespeare – mit einer Erneuerung oder gar Hoffnung auf eine bessere, geordnete Welt. Seine Grundstimmung bleibt durchwegs eine pessimistische.7
Ein weiterer Unterschied zu Shakespeare ist die Gegenwartsbezogenheit. Marlowes Figuren hängen nicht an der Vergangenheit und sorgen sich auch nicht um das Morgen. Jeder von ihnen will den einen Augenblick, in dem er existiert, voll ausleben. Seine Charaktere werfen der Ordnung des Universums den Fehdehandschuh hin. Ihre Missachtung erinnert an Prometheus, ihre Ziele an Ikarus und ihre Forderungen an die Titanen.8
Produkte einer widersprüchlichen Epoche
Genaugenommen reagierte Marlowe damit auf die Entwicklungen seiner Zeit. Das ausgehende 16. Jahrhundert war eine Ära der gigantischen Widersprüche. Europas Herrscher erhoben das Gottesgnadentum zum internationalen Dogma und erlebten doch die erste Hinrichtung einer gesalbten Königin. Man beharrte auf ein striktes hierarchisches Ordnungssystem, während der Individualismus begann, hemmungslos alle Grenzen zu überschreiten. Auf der einen Seite wurden blutige Kämpfe für den einzig wahren Gott ausgetragen, von dem zugegeben wurde, dass er nur mehr dem politischen Zweck diene. Es war die Zeit, in der einfach alles möglich war und das sollte sich auch in der Kunst widerspiegeln. Marlowe schuf Figuren, die faszinierend und abstoßend, imaginativ und engstirnig, herzzerreißend und hassenswert, orthodox und modern, gleichzeitig Götter und Menschen, Genies und Versager, Helden und Feiglinge, Gläubige und Atheisten sind. Immer wieder wandelt Marlowe seine Dramengestalten ins Gegenteil wodurch er auch die Sympathien des Publikums umkehrt.
Vorgriff auf den Existenzialismus
Was Marlowe damit auf die Bühne stellte, bekam erst dreieinhalb Jahrhunderte später einen Namen.
"Ich bin frei. Jenseits der Angst und der Erinnerung. Frei. Und mit mir eins."9
Tamburlaine, Faustus, Barabas oder Guise könnten ohne weiteres dasselbe von sich behaupten wie Sartres Orest. Mit diesem Helden des Existenzialismus teilen sie auch die Schattenseiten dieser Freiheit.
"Ich bin verurteilt für immer jenseits meines Wesens zu existieren, jenseits der Antriebe und Motive meiner Handlung: ich bin verurteilt, frei zu sein."10
Letzlich sind alle Hauptcharaktere Marlowes einsam, etwaige familiäre Bindungen bleiben bestenfalls problematisch.
Marlowe und die Generation Q
Noch umfangreicher nahm Marlowes eine Strömung der Unterhaltungsindustrie im ausgehenden 20. Jahrhunderts vorweg, bediente er sich genau der Mittel für die Quentin Tarantino berühmt wurde. Wie Marlowe montierte er Altbekanntes mit Neuem, brach mit Traditionen und Vorbildern, vermischte Triviales mit Intellektuellem, schuf gewaltige wie gewalttätige Helden, steigerte die Gewalt ins Absurde und begeisterte damit die Massen.
Marlowe hatte erstmals auf der Bühne bewiesen, dass alles möglich ist. Was die Elisabethaner von Marlowes Figuren lernen konnten, war, dass rücksichtsloser Individualismus, antiautoritäres Verhalten und soziale Überheblichkeit ungestraft zum Ziel führen. Sie dachten nicht daran, es nachzuahmen, doch sie bewunderten es – eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Film- und Fernsehsektor der 1990er Jahre, als Figuren der sogenannten "Generation Q" das Publikum faszinierten. Ihr Namensgeber war das allmächtige Wesen aus der TV-Serie Star Trek – The Next Generation, das jenseits aller ethischen Gebote und zwischenmenschlichen Regeln existiert. Das war der Platz für die wahren Soziopathen, die nicht mehr fragten "Was ist erlaubt?", sondern "Was erlaube ich mir?". Man wusste vielleicht noch um Gut und Böse, aber man kümmerte sich nicht mehr darum.11 Serienmörder, Profikiller, Psychopathen – Wesen, die aus freiem Willen abseits der Gesellschaft stehen – wurden zu den neuen Sympathieträgern und Identifikationsfiguren. Marlowe kann für sich beanspruchen, diesen Trend bereits in den 1590er Jahren etabliert zu haben.