Die Religionskriege in Frankreich (1562–1594)

Die Religionskriege in Frankreich 1562–1594

Im Folgenden wird ein allgemeiner Überblick über Frankreichs Geschichte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gegeben, soweit sie für das Verständnis von The Massacre at Paris notwendig erscheint.1 Für die historischen Figuren, die im Drama auftreten, sind die jeweiligen Biografien aussagekräftiger als dieser allgemeine Überblick.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts tobten in Frankreich die Religionskriege, bei denen selbst die beteiligten Parteien nicht immer durchschauten, wer mit wem warum gegen wen handelte. Sicher war nur, je weiter die Auseinandersetzungen fortschritten, desto deutlicher zeigte sich, dass der Glaube dabei eine untergeordnete Rolle spielte. Die Periode der Bürgerkriege darf daher nicht ausschließlich unter religiösem Aspekt betrachtet werden, denn sie war zugleich die Zeit, in der der französische Adel um die Bewahrung seiner Eigenständigkeit gegenüber den beginnenden absolutistischen Tendenzen des Königshauses kämpfte. Ein Kampf, den erst Louis XIV. endgültig für sich entscheiden konnte.

Stambaum Religionskriege in Frankreich. Privatbesitz. © 2022

Als Henri II. am 10. Juli 1559 starb, waren etwa 12 Prozent der Franzosen Calvinisten (In Frankreich wurden die Calvinisten als Hugenotten bezeichnet). Sein Nachfolger, François II., war körperlich wie geistig unterentwickelt und den Aufgaben, die vor ihm lagen, nicht gewachsen. Es entstand ein Machtvakuum, das führende adelige Familien zu ihrem Vorteil nutzen wollten. Louis de Condé, ein Prinz von Geblüt, und Admiral Coligny übernahmen die Führung der Hugenotten, während die Katholiken zunehmend von einer bis dato eher unwichtigen Familie vertreten wurden. Das Haus Guise gewann mit dem neuen König an Bedeutung, denn dieser war mit Mary Stuart, der Tochter des verstorbenen schottischen Königs James V. und Marie de Guise, verheiratet.

Der erste große Konflikt drohte bereits auszubrechen, da starb François II. ohne Nachkommen. Sein Bruder, Charles IX., war noch minderjährig. Statt seines nächsten männlichen Verwandten, in diesem Fall Antoine de Bourbon, des ersten Prinzen von Geblüt, übernahm die Königinmutter Caterina de' Medici die Regentschaft. Sie war sowohl darauf bedacht, die politische Bedeutung der Adelsfamilien zu minimieren, als auch die Konfessionen auszusöhnen. Mit dem Toleranzedikt von Saint-Germain gab es erstmals eine Anerkennung der Hugenotten durch die französische Krone. Leider führte das geradewegs in die Katastrophe.

Am 1. März 1562 kam es in Vassy zu einer Konfrontation zwischen den Männern des Herzogs de Guise und einer größeren Gruppe von Hugenotten, die sich zum Gebet versammelt hatten. Der genaue Verlauf der Ereignisse wurde nie ganz geklärt. Am Ende blieben etliche Tote zurück, und das sogenannte Massaker von Vassy markierte den Anfang der französischen Religionskriege.

1. Religionskrieg 1562–1563

Condé rief nach Vassy die Hugenotten zu den Waffen. Guise ließ sich, statt wie befohlen am Hof in Fontainebleau einzutreffen, in Paris von der katholischen Bevölkerung als Held feiern, bevor er ebenfalls begann, Truppen auszuheben. Das Ausland war von Beginn an in die Bürgerkriege involviert. Schon alleine deshalb, weil Frankreich, außer schwerer Kavallerie an den Grenzen, über kein stehendes Heer verfügte, mussten Söldner angeworben werden. Auch während der folgenden Kriege waren die Fraktionen selten in der Lage, ihre Armeen länger als zwei oder drei Monate zu bezahlen.

Im Februar 1563 schoss der Hugenotte Jean de Poltrot auf den Herzog de Guise, der gerade Orléans belagerte. Am 24. Februar starb der Herzog, der eher der Kunst der Ärzte als seinen Wunden erlag. Als Auftraggeber des Attentats vermutete man Coligny. Ob zu Recht oder nicht, konnte nie festgestellt werden. Jedenfalls begann damit die Fehde zwischen Guise und Coligny. Da sämtliche Anführer entweder tot oder gefangen waren, drängte Caterina de' Medici auf Frieden. Das am 19. März unterzeichnete Edikt von Amboise war zwar bei beiden Konfessionen unbeliebt, zeigte aber Wirkung.

2. Religionskrieg 1567–1568

Truppenbewegungen an der niederländisch-französischen Grenze ließen die Hugenotten vermuten, der König würde sich mit Spanien gegen sie verbünden. Dem wollten sie zuvorkommen und Charles IX. unter ihre Kontrolle bringen. Als der König und seine Mutter am 24. September 1567 davon erfuhren, konnten sie gerade noch nach Meaux flüchten, um von dort nach Paris zu gelangen. Diese Überraschung von Meaux war nicht nur der Beginn des 2. Religionskriegs, sondern bewirkte darüber hinaus bei Caterina de' Medici ein Umdenken. Fortan würde sie den Hugenotten nicht mehr trauen und verzieh ihnen nie, dass sie die Autorität des Königs angegriffen hatten. Am 23. März 1568 wurde zwar der Friede von Longjumeau geschlossen, doch die Auseinandersetzungen gingen weiter.

3. Religionskrieg 1568–1570

Charles IX. hatte den Oberbefehl über die königliche Armee seinem Bruder Anjou übertragen. Der drängte darauf, seine militärischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Die Hugenotten zogen sich nach La Rochelle zurück. Am 13. März 1569 wurde Condé erschossen. Nominell waren sein Sohn Henri de Bourbon, Fürst von Condé und Henri de Navarre nun die Führer der Hugenotten. Tatsächlich übernahm Coligny diese Position.

Anjou gelang am 3. Oktober in der Schlacht von Moncontour ein triumphaler Sieg, den die Katholiken allerdings nicht zu ihrem Vorteil nutzen konnten. Coligny hingegen führte einen erfolgreichen Feldzug, der ihn immer näher an Paris heranbrachte und am 8. August 1570 im Friedensvertrag von Saint-Germain-en-Laye mündete, der den Hugenotten bis dahin ungekannte Zugeständnisse einräumte.

Caterina de' Medici wollte den Frieden besiegeln, indem sie ihre Tochter Marguerite de Valois mit dem hugenottischen Henri de Navarre, dem ersten Prinzen von Geblüt, verheiratete. Die Verhandlungen gestalteten sich schwierig, verliefen letztlich aber erfolgreich. Katholiken und Hugenotten würden an der Hochzeit teilnehmen. Wie schon zuvor bedeutete der Frieden von Saint-Germain-en-Laye nicht, dass weitere Konfrontationen ausblieben. Auf beiden Seiten kam es ständig zu gewaltsamen Übergriffen. Doch jetzt sollten sich erstmals alle maßgeblichen Männer beider Fraktionen mit ihrem Gefolge zur selben Zeit am selben Ort aufhalten.

Die Bartholomäusnacht 23./24. August 1572

Paris war eines der Zentren der besonders konservativen Katholiken, die seit Juli zusehen mussten, wie immer mehr Hugenotten in die Stadt strömten. Es herrschte eine furchtbare Hitze, und die französische Hauptstadt war hoffnungslos überfüllt. In dieser spannungsgeladenen Atmosphäre fand am 18. August 1572 die Hochzeit zwischen Marguerite und Henri de Navarre statt.

Am 22. August wurde Admiral Coligny auf dem Heimweg Opfer eines Attentats, das er jedoch überlebte. Obwohl Coligny zur Besonnenheit mahnte und Charles IX. versprach, für Gerechtigkeit zu sorgen, entstand unter der Pariser Bevölkerung eine zunehmende Unruhe. Am 23. August 1572 gab es ab dem Nachmittag zwei bis drei informelle Treffen des Kronrats. Am Hof machte sich Angst vor einem möglichen Gegenschlag der Hugenotten breit. Heute weiß man, dass ein solches Unternehmen nicht geplant war, doch die Annahme war keineswegs abwegig.

Statt Paris nach dem Attentat zu verlassen, hatten Coligny und seine Leute sich zum Bleiben entschlossen. Der Schwager des Admirals stand mit 4.000 Mann vor der Hauptstadt, die vorübergehend von zahlreichen verärgerten Hugenotten bevölkert war. Man beschloss, es nicht so weit kommen zu lassen, und am Abend des 23. August war Charles IX. dazu gebracht worden, der Tötung der führenden Hugenotten zuzustimmen. Bald darauf verloren die Verantwortlichen gänzlich die Kontrolle. Aus dem geplanten Erstschlag wurde ein tagelanges Massaker, das das ganze Land erfasste und dem Tausende zum Opfer fielen.

Die Bartholomäusnacht war nicht nur der Beginn des nächsten Religionskriegs, sondern verursachte auch ein Umdenken in der hugenottischen Führung. Aus der Opposition gegen den Katholizismus wurde eine Opposition gegen die Krone, der offenbar nicht daran gelegen war, ihre hugenottischen Untertanen zu schützen.

François Dubois. Le massacre de la Saint-Barthélemy. 1584. Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne. CC0

4. Religionskrieg 1572–1573

Die katholischen Truppen belagerten einige hugenottische Städte, als Alexandre-Édouard de Valois, Herzog von Anjou, der Bruder von Charles XI., zum König von Polen gewählt wurde. Der Hof drängte auf einen Frieden, da Polen als religiös tolerantes Land galt und man Anjous Wahl nicht gefährden wollte. Am 13. Juli 1573 wurde das Edikt von Boulogne unterzeichnet. Im Dezember brach Anjou nach Polen auf. Am 30. Mai 1574 starb Charles IX. ohne legitime Nachkommen.

Am Hof war mittlerweile eine neue Gruppe entstanden. Henri de Montmorency-Damville stand an der Spitze der Malcontents, der Unzufriedenen. Sie bestanden aus Mitgliedern alteingesessener Adelsfamilien, für die nicht die Hugenotten, sondern die Ausländer, namentlich die Italiener in der Umgebung des Königs, für die dauernden Fehden und die schlechte Staatsführung verantwortlich waren. Erstmals wurden hier die Konfessionen außer Acht gelassen, denn zu Damvilles Gruppe zählten Katholiken wie Hugenotten. Zurück aus Polen wurde Anjou am 13. Februar 1575 zu Henri III. gekrönt.

5. Religionskrieg 1575–1576

François-Hercule de Valois, Herzog von Alençon der immerhin der Nächste in der Thronfolge war, schloss sich den Malcontents an und Henri de Navarre begann eine Armee auszuheben. Caterina de' Medici griff ein, doch alle Trümpfe lagen bei Alençon. Das Edikt von Beaulieu vom 6. Mai 1576 bekam auch den Namen “Paix du Monsieur”, Herrenfrieden. Die Hugenotten durften erstmals im ganzen Land ihre Religion frei ausüben. Die katholische Bevölkerung war entsetzt und sofort formierte sich landesweit der Widerstand gegen den Herrenfrieden.

Mitte November trafen die Generalstände in Blois ein. Schon bald zeichnete sich ab, dass viele Katholiken bereit waren, sich dem Herrenfrieden notfalls mit Gewalt zu widersetzen. Henri III. geriet dadurch erneut in Bedrängnis. Zwar war er mit dem Friedensvertrag nicht einverstanden, doch er hatte ihn unterzeichnet. Nun konnte er nicht zulassen, dass im ganzen Land Katholiken gegen ein Gesetz des Königs aufbegehrten. Am 2. Dezember machte er sich selbst zum Führer der katholischen Opposition. Damit blieb dem Monarchen keine andere Möglichkeit, als den Friedensvertrag zu brechen.

6. Religionskrieg 1576–1577

Aufgrund der Entwicklungen in Blois griffen die Hugenotten Ende Dezember 1576 zu den Waffen. Keine Partei verfügte über ausreichend Finanzen für eine längere Auseinandersetzung, was am 14. September 1577 zum Frieden von Bergerac führte. Entgegen dem vorangegangenen Friedensschluss bekam dieser den Namen “Paix du Roy”, Königsfrieden. Das drei Tage später verabschiedete Edikt von Poitiers schränkte zwar die Freiheiten ein, die den Hugenotten im Herrenfrieden garantiert worden waren, stellte aber einen Kompromiss dar, mit dem beide Seiten hätten leben können, wenn sie es denn gewollt hätten.

7. Religionskrieg 1580

Streitigkeiten um die nicht vollständig ausbezahlte Mitgift Marguerites verursachten im Frühjahr 1580 militärische Auseinandersetzungen zwischen Henri de Navarre und der französischen Krone. Beiderseitiger Geldmangel führte bereits am 26. November zum Frieden von Fleix, der den Frieden von Bergerac bestätigte.

8. Religionskrieg 1585-1594

Am 10. Juni 1584 starb François-Hercule de Valois, Herzog von Alençon kinderlos in Château-Thierry. Der nächste französische Thronfolger war folglich der hugenottische König von Navarra. Die Katholiken schlossen sich 1585 unter der Führung von Henri de Lorraine, Herzog von Guise in der Heiligen Liga zusammen und es entstand eine dritte Partei im Bürgerkrieg. Der König reagierte mit Rückzug in seine Gemächer, da er Guise nichts entgegenzusetzen hatte. Die Liga erreichte, dass Henri III. Navarre von der Thronfolge ausschloss. Dieser protestierte heftig und bekam Unterstützung von Damville und den Malcontents, die im Machtstreben von Guise mittlerweile eine größere Gefahr sah als in der Ausbreitung des Calvinismus.

Ende 1585 brach der “guerre des trois Henris”, der Krieg der drei Heinriche, aus. Trotz militärischer Erfolge der Hugenotten, wie der Schlacht von Coutras, behielt Guise die Oberhand in Frankreich. Am 12. Mai 1588, dem Tag der Barrikaden, stellte sich sogar die Bevölkerung von Paris hinter ihn, worauf Henri III. seine Hauptstadt heimlich verließ.

Um seine Autorität zurückzugewinnen, berief Henri III. die Generalstände nach Blois ein. Dort musste er jedoch feststellen, dass die Mehrheit der Abgeordneten bereits auf der Seite Guises stand und eher die Forderungen der Heiligen Liga als die Wünsche des Königs unterstützte. In dieser Situation kam Henri III. zu dem Schluss, dass ein Nebeneinander mit Guise nicht mehr möglich sei und ließ den Herzog von Guise und dessen Bruder Kardinal Louis de Lorraine-Guise ermorden.

In Folge erhielt die Liga noch mehr Zuspruch. Da er alleine nichts mehr gegen seine Untertanen ausrichten konnte, entschied sich der französische König für eine Allianz mit Henri de Navarre. Gemeinsam marschierten sie auf Paris. Während der Belagerung der Hauptstadt wurde der Henri III., der letzte König aus dem Hause Valois, am 2. August 1589 ermordet. Henri de Navarre war jetzt de jure König von Frankreich, de facto wollten ihm das aber nur wenige zugestehen. Es benötigte noch fast fünf Jahre, bis die Mehrheit der Franzosen ihren neuen Herrscher anerkannte.


Aktualisiert am 08.06.2026

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