The Massacre at Paris: With the Death of the Duke of Guise (Das Massaker zu Paris mit dem Tod des Herzogs von Guise) dürfte um 1590 entstanden sein. Es ist Christopher Marlowes erste Historie und schildert die Ereignisse im Zusammenhang mit der Bartholomäusnacht.
Inhaltsverzeichnis
Handlung
→ Handlung von The Massacre at Paris
Text
Das Drama besteht aus 802 Sätzen mit insgesamt 10.663 Wörtern und einem Vokabular von 1.952 Wörtern.1 (Das Massacre leaf ist in dieser Statistik berücksichtigt.) Sechs Wörter verwendete Marlowe zum ersten Mal in einer neuen Bedeutung, drei wurden erstmals von ihm benutzt, drei gebrauchte er in einer bis dahin unbekannten grammatischen Konstruktion und zwei kommen in dieser Bedeutung nur bei ihm vor.
Entstehung
Die Darstellung zeitgenössischer Ereignisse sollte die Datierung des Dramas eigentlich vereinfachen. Sicher ist allerdings nur, dass das Stück in der vorliegenden Form nach dem Attentat auf Henri III. am 1. August 1589 in Saint-Cloud entstanden ist. Alles Weitere obliegt der Interpretation des Textes. Der sterbende Henri III. erkennt in Navarre nicht nur seinen Nachfolger, er beauftragt ihn auch mit blutiger Rache und macht Papst Sixtus V. als Auftraggeber für seine Ermordung verantwortlich. Sixtus starb jedoch am 27. August 1590 in Rom eines natürlichen Todes, weshalb Marlowe sein Drama vermutlich vor diesem Zeitpunkt beendet hatte. Der Wunsch nach Vergeltung hätte wenig Sinn gehabt, wäre der Papst bereits tot gewesen.2
Eine andere Lesart favorisiert aus genau diesem Grund und unter Berücksichtigung von Henslowes Aufzeichnungen eine viel spätere Datierung.3 Demnach betrachtete Marlowe die tatsächlichen Ereignisse in Frankreich mit beispielloser Ironie. Die erste nachweisbare Aufführung fand am 9. Februar 1593 statt. Zwar kennzeichnete Henslowe das Stück als "ne", nur ist völlig unklar, ob er es damit wirklich als "neu" bezeichnete.4 Diese Ironie wurde aber erst Ende 1593, Anfang 1594, erkennbar, nachdem Navarre offen bewiesen hatte, dass Religion für ihn keine Frage der inneren Überzeugung, sondern Mittel zum Zweck war. Seine Krönung zu Henri IV. erfolgte am 27. Februar 1594, der Einzug in Paris im Monat darauf, und am 30. März anerkannte auch das Parlament den neuen König. Das hätte Marlowe nie voraussehen können. Hingegen bot es Henslowe eine gute Gelegenheit, das Stück wieder auf den Spielplan zu setzen.5
Kaum ein Werk Marlowes weist so viele Parallelen zu Shakespeare auf. Die Forschung ist sich völlig uneins, ob die Verfasser der Textversion von Shakespeare borgten oder dieser von Marlowe. Da zahlreiche Ähnlichkeiten aus Stücken stammen, die nach Marlowes Tod entstanden, helfen diese Analogien bei der Bestimmung der Entstehungszeit ebenso wenig weiter.
Ins Stationers' Register wurde das Drama nie eingetragen. Der früheste erhaltene Druck stammt von Edward Allde im Octavo-Format und ist undatiert. Elf Exemplare haben sich in Bibliotheken in England sowie den USA erhalten. Wegen des schlechten Textzustands wurde die Veröffentlichung mit den sogenannten "Bad Quartos" der Pembroke’s Men Anfang der 1590er Jahre in Verbindung gebracht. H. J. Oliver schlug zweier Parallelen zu Shakespeares Julius Caesar (1599) wegen eine Datierung des Drucks um 1602 vor.6 Auch Robert A. H. Smith favorisiert dafür die Jahre zwischen 1599 und 1602.7 Neuere Untersuchungen des Papiers ergaben hingegen 1596 als Druckjahr.8
Der vorliegende Text ist eindeutig korrumpiert. Das Stück ist nur halb so lang wie ein durchschnittliches Drama der elisabethanischen Zeit, es enthält zahlreiche Wiederholungen, metrische Unregelmäßigkeiten und nahezu wortwörtliche Übernahmen aus fremden Werken. Daher nimmt man an, dass das Octavo eine Textrekonstruktion von einem oder mehreren Schauspielern ist.9 Trotz des Titels behandelt mehr als die Hälfte des Stücks die Regentschaft Henri III., und der Herzog von Guise hat die größte Rolle.10 Wahrscheinlich war das Drama sehr umfangreich. Bereits in der erhaltenen Form lassen sich in den ersten fünfhundert Zeilen zwanzig verschiedene Sprechrollen ausmachen. Nur sieben Stücke aus der Zeit benötigen mehr.11
Eine Anspielung auf einen nicht mehr erhaltenen Dialog findet man bei Thomas Fuller, der 1650 in A Pisgah-Sight of Palestine schrieb: "I reasonably remember how one being asked in the Massacre of Paris, whether he was a Catholick or an Hugonite, answered he was a Physican."12 Ein weiterer Hinweis auf eine längere Fassung tauchte mit dem sogenannten Massacre leaf auf und sorgt seither für Kontroversen.
Quellen
Die französischen Religionskriege wurden nicht nur mit Schwert und Kanone ausgetragen, sondern auch mit der Feder. Hugenotten wie Katholiken produzierten zahlreiche Schriften. Die Quellenlage für The Massacre at Paris ist gut untersucht, dennoch wird sich der Fülle des Materials wegen nie ganz klären lassen, was Marlowe tatsächlich kannte und verwendete.13 Dazu kommen Vorlagen, von deren Existenz heute niemand mehr weiß, weil sie im Laufe der Zeit verloren gegangen sind. Bei der Verarbeitung zeitgenössischer Ereignisse lässt sich Hörensagen als Quelle ebenfalls nicht ausschließen.14
Eine nicht nur für The Massacre at Paris, sondern auch für Edward II interessante Entwicklung geschah Ende der 1580er Jahre. Jean Louis de Nogaret de La Valette, Herzog d’Épernon war der Günstling Henri III. und Ziel der geballten Ablehnung der katholischen Pamphletisten. Mittlerweile war offen von homosexuellen Beziehungen zwischen dem König und seinen Mignons die Rede, wobei vor allem Parallelen zu Edward II. und Piers Gaveston gezogen wurden. Im Juli 1588 erschien Jean Bouchers Histoire tragique et memorable de Pierre de Gaverston, Gentilhomme Gascon, jadis mignon d’Edoüard 2. Roy d’Angleterre; tirée des Chroniques de Thomas Valsingham, et tournée de Latin en François, eine teilweise Übersetzung von Thomas Walsinghams Historia Anglicana.15 Boucher verglich Henri III. nicht direkt mit Edward II., doch die Leser taten es.16 Daraufhin verfasste Épernon selbst die Repliqve à l’Antigauerston où responce faicte à l’histoire de Gauerston, die mittlerweile verloren gegangen ist.17 Die Heilige Liga konterte wiederum mit der Responce à l’Antigaverson de Nogaret.18
Boas erkannte als Erster in The Massacre at Paris einen Vorläufer von Edward II.19 In beiden Dramen ist die Beziehung des Königs zu seinen Adeligen ein Grundthema.20 Im Herbst 1583 sah sich Francis Walsingham genötigt, James VI. von Schottland, dem voraussichtlichen Erben der englischen Krone, die Nachteile herrschaftlicher Günstlingswirtschaft vor Augen zu führen, wobei er Edward II. als Beispiel anführte.21 Der schottische König blieb davon Zeit seines Lebens unbeeindruckt. Wie bei Henri III. am französischen Hof kamen seine Favoriten meist nicht aus dem Hochadel. Ob die beiden tatsächlich intime Beziehungen mit ihren Höflingen unterhielten und diese die Politik beeinflussten, ist sekundär. Tatsache ist, dass gegen Ende des 16. Jahrhunderts zwei Herrscher in unmittelbarer Nachbarschaft Englands den Eindruck machten, als würden sie in ihren Entscheidungen dem Willen ihrer Favoriten folgen. Marlowe wies in beiden Stücken auf die Schwierigkeiten königlicher Günstlingswirtschaft hin, was den Dramen eine brisante Aktualität verlieh.22
Wirkungsgeschichte
Vom 9. Februar 1593 bis zum 5. Oktober 1594 wurde das Drama elf Mal gespielt und brachte Henslowe 17li 10s (ca. 5.964 €) ein. Auf die erste Vorstellung entfielen davon 3li 14s, die zweithöchste Summe, die Henslowe je für eine Aufführung verzeichnete.
The Massacre at Paris scheint in seiner Art einmalig gewesen zu sein. Das Interesse Englands an den französischen Geschehnissen war sehr groß. Ständig verließen englische Soldaten die Insel, um tatkräftig in die Ereignisse einzugreifen, und unzählige Flugblätter, Aufsätze und Balladen hielten die Daheimgebliebenen auf dem Laufenden. Überhaupt waren Historien aus anderen Ländern in England populär.23 Dennoch ist Marlowes Stück die einzige uns bekannte englische Dramatisierung dieser zeitgenössischen Ereignisse, obwohl Henri de Navarre auch in den Werken von Spenser und Shakespeare in Erscheinung tritt.24 Von einem Erfolg des Werks kann man ausgehen,25 war es doch sogar über die Landesgrenze hinaus bekannt. 1602 protestierte Sir Ralph Winwood, der englische Botschafter in Paris, gegen die Aufführung eines Theaterstücks, das als Beleidigung von Elizabeth I. aufgefasst wurde, und berichtete:
"it was objected to me before the [French] Counsaile by some Standers by, that the Death of the Duke of Guise hath ben plaied at London, … and sence by some others that the Massacre of St. Bartholomews hath ben publickly acted, and this King represented upon the stage."26
Über Aufführungen nach 1594 weiß man nichts. Thomas Fuller gibt in A Pisgah-Sight of Palestine leider nicht an, ob er das Stück gesehen oder gelesen hat. Aus seiner Bemerkung geht aber hervor, dass das Drama in einer uns unbekannten Version noch nach den ersten beiden Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts rezipiert wurde, denn Fuller kam erst 1608 zur Welt.
Man weiß von vier Dramen über den Herzog von Guise, die nach Marlowes Tod geschrieben wurden. John Webster erwähnt sein Stück Guise in der Widmung von The Devil’s Law Case (1617-1619) an Thomas Finch. Dieses Werk ist verloren gegangen. (Der Hinweis darauf im Henslowe Diary wurde als Fälschung Colliers entlarvt.)27 Ebenfalls nicht erhalten ist Henry Shirleys The Duke of Guise, das 1653 ins Stationers' Register eingetragen wurde. The Duke of Guise von John Dryden und Nathaniel Lee (1682) sowie Lees Massacre of Paris, 1689 veröffentlicht, aber wahrscheinlich schon 1679 begonnen, weisen keinerlei Verbindung zu Marlowe auf.28
1818 erschienen fast zeitgleich zwei voneinander unabhängige Ausgaben. Eine stammt von William Oxberry, die andere von einem anonymen Herausgeber, den N. W. Bawcutt 1971 als James Broughton identifizierte.29 Da sich der Erscheinungsmonat von Oxberrys Ausgabe nicht feststellen ließ, bleibt ungeklärt, wer von beiden das Stück zuerst herausgab.30
Abgesehen von Henslowe brachte die Amateurgruppe Yale Dramatic Association im Oktober 1940 die ersten bekannten Aufführungen zustande.31 Am 30. Jänner 1963 organisierte die Marlowe Society eine Vorstellung im Chanticleer Theatre in London.32 Zwar folgten weitere Produktionen, doch die Thematik sowie die verstümmelte Textfassung sprechen dagegen, dass aus The Massacre at Paris je wieder ein Publikumshit wird.
Bis ins 20. Jahrhundert wurde das Werk in der Forschung als protestantische Propaganda und Epigonenwerk der hugenottischen Pamphletisten abgetan.33 Trotz des schlechten Textzustands lässt sich jedoch herauslesen, dass Marlowe mit den Quellen weitaus differenzierter umging und sein Blick auf die Ereignisse dem des zeitgenössischen, unbeteiligten, aber informierten Beobachters entsprach.34 Das Einhergehen von Brutalität und Komik, die Angst vor Verunreinigung durch die bloße Anwesenheit eines Andersgläubigen sowie die enge Verbindung zwischen religiösem Ritus und Gewalt waren charakteristisch für die Religionskriege.35 All das gibt das Stück wieder, was es zu einem wertvolleren Zeitbild macht als lange angenommen.36 Die dramaturgischen Mängel erschweren zwar eine Theateraufführung, bergen für die neuen Medien hingegen interessante Möglichkeiten.37
Übersetzungen
Im deutschsprachigen Raum übersetzte Bernhard Klaus Tragelehn das Drama 1971 erstmals.38 Aus dem Folgejahr stammt die Übersetzung von Dieter Schamp, die jedoch erst 1999 in Buchform herauskam.39 Im Eigenverlag erschien 1982 die Fassung von Rolf Engelsing.40 Nicht im Druck erschienen ist Melanie Bächers Übertragung, die um 2001 entstanden sein dürfte und nur über den Verlag Autorenagentur zu beziehen ist.
Bearbeitungen in anderen Medien
Am 18. Mai 2003 erlebte Wolfgang Mitterers Oper Massacre im Wiener Ronacher ihre Uraufführung. Das Libretto stammt vom Komponisten und Stephan Müller und greift auf den englischen Text zurück, eine Literaturoper ist das Werk dennoch nicht.41 Das Auftragswerk der Wiener Festwochen ist für fünf Sänger und vier Tänzer sowie ein Ensemble von neun Instrumentalisten konzipiert. Regie führte Joachim Schlömer.
Roman Paskas und Massimo Schusters Dieu! God Mother Radio kombiniert Puppentheater und Radioshow und basiert lose auf Marlowes Drama. Gezeigt wurde es 1998 beim International Festival of Puppet Theater in New York.
Bernhard Klaus Tragelehn führte Regie bei einem Hörspiel nach seiner eigenen Übersetzung, das am 27. März 1977 erstmals im Rundfunk der DDR gesendet wurde. Mitwirkende waren unter anderem Ekkehard Schall, Jürgen Holtz, Hermann Beyer und Käthe Reichel.42
BBC Radio 3 sendete das Stück am 30. Mai 1993 unter der Regie von Alan Drury mit Michael Earley, Timothy Walker, Jeremy Blake, Sally Dexter, Ben Thomas u. a.