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Die Zeitgenossen (1593-1642)
Zwischen Marlowes Tod und der Schließung der Theater durch die Puritaner vergingen fast 50 Jahre. In dieser Zeit wurden seine Stücke weiter aufgeführt, seine Werke von anderen Autoren paraphrasiert und in mehreren Auflagen gedruckt. Marlowes Œuvre verschwand mit seiner Ermordung keineswegs aus dem elisabethanischen Literaturbetrieb. Auch die Zeitgenossen schrieben nach wie vor über ihn, die Literaten mit Bewunderung, die Puritaner mit Abscheu.
Die Literaten
Für die Dichter der folgenden Jahrzehnte war Marlowe vor allem der große Lyriker, der Schöpfer von Hero and Leander, und sein Tod ein Verlust für die englische Literatur. Dieses Urteil hielt sich drei Jahrzehnte lang fast unverändert. George Peele erinnerte 1593 an ihn als "the Muses' darling".1 Francis Meres zählte ihn fünf Jahre später zu den Größen der englischen Dichtkunst.2 Henry Petowe, der im selben Jahr neben George Chapman eine Fortsetzung des Epyllions vorlegte, erhob ihn zum bewunderten Apollo,3 und noch 1627 galt er Michael Drayton als einer der ganz großen Dichter.4 Thomas Edwards5, Edmund Bolton6 und Francis Verney7 urteilten nicht anders.
Thomas Nashe ging in seinem letzten Werk Nashe’s Lenten Stuff (1599) ebenfalls auf Hero and Leander ein, das sich laut seinen Angaben an den Ständen der Buchhändler rund um St. Paul’s in London nach wie vor gut verkaufte.8 Es ist Nashes Nachruf auf Marlowe, den Dichter. Marlowe, den Freund, hatte er die Jahre zuvor schon gegen Gabriel Harvey verteidigt.
Erstmals in einem Theaterstück erwähnt und dabei zugleich als Dramatiker gewürdigt wurde Marlowe 1602 in The Return from Parnassus, Or the Scourge of Simony, das zahlreiche Anspielungen auf Englands Literaturszene des ausgehenden 16. Jahrhunderts enthält.
"Ing. Christopher Marlowe.
Jud. Marlowe was happy in his buskined muse,
Alas ! unhappy in his life and end ;
Pity it is that wit so ill should dwell.
Wit lent from heaven, but vices sent from hell.
Ing. Our theatre hath lost, Pluto hath got,
A tragic penman for a dreary plot."9
1623 war Marlowe in Ben Jonsons Elegie To the Memory of My Beloved, the Author William Shakespeare nicht mehr die große Lichtgestalt der englischen Literatur, sondern einer von vielen, der in Shakespeares Schatten stand. Aber ausgerechnet Jonsons Ausdruck "Marlowe’s mighty line" ist bis heute das geflügelte Wort, wenn es darum geht, Marlowes Stil zu beschreiben.10
Auch Thomas Heywood, der 1633 in seinem Prolog zu The Jew of Malta noch den überragenden Lyriker in Marlowe gesehen hatte11, war zwei Jahre später nicht mehr ganz so begeistert.12
William Shakespeare
1597 ließ William Shakespeare Sir Hugh Evans in The Merry Wives of Windsor (III,1) ein Lied mit Textstellen aus The Passionate Shepherd to his Love singen. 1599/1600 zitiert Phoebe in As You Like It wörtlich aus Hero and Leander.13 Später betrachtet Rosalind die Geschichte der beiden Liebenden sehr nüchtern. Leander sei nicht aus Liebe gestorben, sondern beim Bad im Hellespont ertrunken.14
Eine weitere Stelle könnte ebenfalls auf Marlowe hindeuten. Im dritten Akt sagt der Narr Touchstone, wenn eines Mannes Verse nicht verstanden würden, träfe ihn das tödlicher als "a great reckoning in a little room".15 Oliver William Foster Lodge stellte 1925 fest, das erinnere nicht nur an Barabas und dessen "Infinite riches in a little roome"16, sondern auch an den Untersuchungsbericht über die Ermordung,17 in dem der Streit um die Rechnung, "le recknynge", erwähnt wird.18 Nun ist "reckoning" kein speziell für Marlowes Tod konstruierter Begriff. Das Wort war in England seit dem 14. Jahrhundert in Gebrauch und Shakespeare verwendete es öfters.19
Die Puritaner
Thomas Beard, ein Geistlicher und späterer Schuldirektor von Oliver Cromwell, veröffentlichte 1597 The Theatre of Gods Judgements, eine Sammlung von Geschichten darüber, wie die göttliche Vorsehung die Sünder trifft. Darin findet sich die erste öffentliche Auseinandersetzung mit Marlowes Biografie, und Beard darf für sich in Anspruch nehmen, damit auch gleich die Marlowe-Mythografie begründet zu haben. Sein "Marlin" ist ein in Cambridge erzogener Gelehrter, der als Stückeschreiber und Dichter Gott und Christus leugnet, die Dreifaltigkeit lästert und in der Religion nichts als ein Instrument der Politik sieht. Als er jemanden erstechen will, wehrt der Angegriffene den Stoß ab und treibt ihm den eigenen Dolch in den Kopf.20
Lobende Worte für das literarische Werk hatte Beard nicht, aber erstmals wurde Marlowe als Dramatiker und Dichter bezeichnet. Die Schilderung des Todes ist recht fantasievoll, was verständlich ist, immerhin war der Untersuchungsbericht über die Ereignisse in Deptford kein öffentlich zugängliches Dokument. Dasselbe traf auf die Baines Note sowie die Briefe von Thomas Kyd zu. Nichtsdestoweniger erhob Beard dieselben Anschuldigungen fast wortgleich. Er schöpfte wie die anderen aus dem immer gleichen Pool atheistischer Stereotypen, die damals gerne verwendet wurden, wollte man jemandes Ruf schädigen. Da für die Puritaner das Theater eine Wurzel des Übels war, konnte es sich bei Dramatikern nur um liederliche Gesellen handeln. Beards Vorstellung dürfte dem Zeitgeist entsprochen haben, denn die Mythografie wurde im Jahr darauf kritiklos von Francis Meres übernommen und angereichert. Ein Trend, der sich bis in die Gegenwart fortsetzt.
In literarischer Hinsicht zählte Meres, wie bereits ausgeführt, Marlowe zu den bedeutenden Lyrikern Englands. Biografisch ergänzte er Beard um einige Facetten und zog zwei ungewöhnliche Vergleiche. Wie der französische Tragödiendichter Étienne Jodelle als Epikureer und Atheist ein jämmerliches Ende genommen habe, so habe Marlowe für seinen Epikureismus und Atheismus einen tragischen Tod erlitten.21 Meres' Angaben über Jodelle sind absolut nicht nachvollziehbar, denn der Franzose starb verarmt eines natürlichen Todes. Genauso verhält es sich mit dem zweiten Vergleich. Wie der Dichter Lykophron von einem Rivalen mit einem Pfeil erschossen worden sei, so sei Marlowe von einem Rivalen im Streit um eine Frau erstochen worden.22 Über Lykophron, einen Verfasser nicht erhaltener Tragödien, ist so gut wie nichts bekannt, erst recht keine Ähnlichkeit mit Marlowes Biografie.23
Nach diesen fantastischen Berichten überraschte William Vaughan 1600 in The Golden Grove mit für damalige Verhältnisse erstaunlicher Realitätsnähe. Er nannte Deptford als Ort, einen gewissen Ingram als Gegner und das gemeinsame Essen als Anlass.24 1618 schilderte Edmond Rudierde Marlowes Ableben hingegen noch drastischer, als Beard es getan hatte.25
Wie gefährlich die Lektüre von Marlowe sein konnte, hielt der englische Dichter Henry Oxinden (1609-1670) in seinen Kollektaneenbüchern fest. Darin notierte er unter anderem Unterhaltungen mit seinem Nachbarn Simon Aldrich († 1655), der 1593 in Cambridge zu studieren begonnen hatte. Laut Aldrich sei Marlowe Atheist gewesen und habe ein Buch wider die Heilige Schrift verfasst.26 Aldrichs Bemerkung über Marlowes Atheismus wäre nicht sonderlich auffällig, hätte Oxinden nicht eine weitere Erzählung überliefert. Ein Mr. Fineux aus Dover habe um Mitternacht im Wald den Teufel gebeten zu erscheinen, da er nicht an ihn glaube. Er habe Marlowes Werke auswendig gewusst und sei durch ihre Lektüre zum Atheisten geworden.27
Bilanz nach fünf Dekaden
Abgesehen von Thomas Nashe wissen wir nicht, wer von den hier genannten Autoren Marlowe persönlich kannte. Die Fülle von Verweisen aus fast fünf Dekaden enthält nichtsdestoweniger gewisse Gemeinsamkeiten.
- Marlowe war spätestens ab der 2. Hälfte 1593 tot.
- Marlowes Ableben war in persönlicher, literarischer oder religiöser Hinsicht tragisch.
- Marlowe hatte in Glaubensdingen einen gewissen Ruf.
- Sieht man von Meres ab, der Marlowe und seinen Mörder um dieselbe Frau streiten lässt, war sein Privatleben nicht der Rede wert. Wäre es anders gewesen, hätten die Puritaner es bestimmt erwähnt.
- Marlowe verfügte über ein herausragendes Renommee als Lyriker.
Christopher Marlowe war in der literarischen Szene kein Unbekannter. Vielmehr hatte er deutliche Spuren hinterlassen, die erst zu verblassen begannen, als 1642 die Puritaner die Schließung der Theater durchsetzten.
Die Restauration und das 18. Jahrhundert
Zwischen 1660 und dem Ende des Jahrhunderts kehrte nur eines von Marlowes Dramen auf die englischen Bühnen zurück. Am 26. Mai 1662 (julianischer Kalender) sah Samuel Pepys mit seiner Gattin im Red Bull Doctor Faustus, in jener Fassung, die 1663 gedruckt wurde, ergänzt um Szenen mit Anspielungen auf The Jew of Malta. Beeindruckt war er nicht. Als 1686 im Dorset Garden William Mountforts The Life and Death of Doctor Faustus, with the Humours of Harlequin and Scaramouch herauskam, war es auch mit dem Wenigen vorbei, was von Marlowe auf der Bühne noch übrig war. Ab 1671 existierten seine Stücke nur mehr in den Katalogen der Buchhändler.28 Vergessen war er trotzdem nicht. Die neue Generation von Dramatikern nahm sehr wohl auf ihn Bezug.29 Edward Phillips, ein Neffe John Miltons, schrieb in seinem Theatrum poetarum von 1675 Tamburlaine 1 und Tamburlaine 2 zwar dem Dichter Thomas Newton zu, widmete Marlowe selbst aber einen umfassenden Eintrag.
Er nannte ihn eine Art zweiten Shakespeare, an Ruhm und Verdienst allerdings unterlegen. Das größte Aufsehen habe Doctor Faustus erregt, daneben führe er Edward II, The Massacre at Paris, The Jew of Malta als Tragikomödie und, gemeinsam mit Thomas Nashe verfasst, Dido-Queen of Carthage an. Mythografisch neu war die Behauptung, Marlowe sei Schauspieler gewesen. Sie sollte in den nächsten Jahrzehnten unablässig wiederholt werden. Zur Ermordung hielt sich Phillips bedeckt. Als herausragendes Meisterwerk galt nach wie vor Hero and Leander.30
Anthony Wood tat in seinen Athenae Oxonienses das Gegenteil. Ausgerechnet in der Biografie Thomas Newtons korrigierte er die Zuschreibung der Tamburlaine-Dramen und holte zu einem ausführlichen Exkurs über Marlowe aus. Seine Schilderung von dessen Tod stammt aus Thomas Beards Theatre of Gods Judgements und Francis Meres' Palladis Tamia, entsprechend fantasievoll fällt sie aus. Die Werkliste erweiterte er um Lust’s Dominion und um den Hinweis, Aphra Behns Abdelazer, or The Moor’s Revenge von 1676 sei zum Gutteil daraus gestohlen.31
John Aubrey widmete Marlowe in Brief Lives keinen eigenen Eintrag. Was er über dessen Tod zu wissen glaubte, galt in Wahrheit dem Schauspieler Gabriel Spenser, denn über Ben Jonson schrieb er:
"He killed Mr. … Marlow, the poet, on Bunhill, comeing from the Gren-Curtain play-house."32
Ben Jonson tötete Spenser 1598 in Hoxton Fields, Shoreditch, angeblich in einem von Spenser provozierten Duell.
Vom ausgehenden 17. Jahrhundert bis in die ersten Dekaden des 18. interessierte sich kaum jemand für Marlowe. Biografisch schmückte man die puritanischen Schilderungen der Zeit vor der Restauration ein wenig aus, beim Werkkanon herrschte überwiegend Einigkeit.
Dem Dramenschreiber und Buchhändler Robert Dodsley war es gelungen, an die siebenhundert frühe Dramenausgaben zu erwerben, die er ab 1744 in mehreren Bänden zugänglich machte, die erste Zusammenstellung dieser Art in der englischen Geschichte.33 Edward II gehörte dazu, The Jew of Malta fügte der neue Herausgeber Isaac Reed 1780 der Zweitausgabe hinzu.34
In Thomas Tanners postum 1748 erschienener Bibliotheca Britannico-Hibernica findet sich eine Kurzbiografie Marlowes und darin erstmals die Nachricht von einer Dido-Ausgabe, die eine Elegie von Thomas Nashe auf den Toten enthalten solle.35 Gefunden hat man sie bis heute nicht.
Mit John Berkenhout begann eine Unart, die der Marlowe-Forschung noch etliches Kopfzerbrechen bereiten sollte: die Fälschung. 1777 druckte er in seiner Biographia Literaria einen Brief von George Peele an Marlowe ab.36 Das Machwerk war so plump, dass es unmittelbar nach der Veröffentlichung aufflog. Das sollte zukünftig nicht immer so einfach sein.
Spannend wurde es zu Beginn der 1780er Jahre. Thomas Warton kritisierte 1781 in The History of English Poetry erstmals die puritanische Sicht auf Marlowe.
"His [Marlowes] scepticism, whatever it might be, was construed by the prejudiced and peevish puritans into absolute atheism : and they took pains to represent the unfortunate catastrophe of his untimely death, as an immediate judgment from heaven upon his execrable impiety."37
Kurz darauf erwiderte Joseph Ritson:
"I have a great respect for Marlow as an ingenious poet, but I have a much higher regard for truth and justice; and will therefor take the liberty to produce the strongest (if not the whole) proof that now remains of his diabolical tenets, and debauched morals […]"38
Es folgte die erste Publikation der Baines Note. Von nun an lehnte man Marlowe nicht seiner Arbeit, sondern seines vermeintlichen Lebenswandels wegen ab. Wer so gelebt hatte, wie man es von ihm annahm, war gar nicht fähig, wertvolle künstlerische Werke zu schaffen. Literarisch Interessierte sahen das teilweise anders. Isaac Reed, Edmond Malone oder David Garrick nahmen Marlowes Dramen in ihre privaten Bibliotheken auf, um eine breitere Akzeptanz des Autors bemühten sie sich allerdings nicht.39
Thomas Dermody
Eine absolute Sonderstellung in der damaligen Marlowe-Rezeption nimmt The Pursuit of Patronage des Iren Thomas Dermody ein. Die Epistel von 1800 ist über weite Strecken das Lamento eines Dichters, dem ein wirklicher Gönner fehlt. An Chatterton, Caravaggio, Milton, Dante und anderen wird vorgeführt, was geschieht, wenn die Künste weder gewürdigt noch gefördert werden.40 Außergewöhnlich ist nicht nur die uneingeschränkte Bewunderung, sondern vor allem die erstmalige Identifikation mit Marlowe. Bei Dermody ist er kein sittlich verkommener Atheist, sondern ein leidenschaftlicher Poet. Die Begeisterung gilt dabei nicht dem Theaterdichter, sondern dem Verfasser von The Passionate Shepherd to his Love, dessen erste Zeile direkt zitiert wird.
Das 19. Jahrhundert
Die Romantik
Die Romantik war die Zeit der Shakespeare-Begeisterung, wovon anfänglich wenig auf Marlowe abfärbte. Charles Lambs Specimens of English Dramatic Poets von 1808 enthielten Ausschnitte aus über siebzig Dramen, darunter Tamburlaine 1, Tamburlaine 2, Edward II, The Jew of Malta und Doctor Faustus. Sämtliche Autoren betrachtete Lamb im Schatten Shakespeares, dessen Name zum Werbeträger für die übrige elisabethanisch-jakobäische Dramatik wurde. Marlowes Biografie rückten die Auszüge in kein neues Licht, im Gegenteil, sie bestätigten den Eindruck des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Zwar wusste Lamb um das "skandalöse" Leben, ließ aber durchblicken, dass die Figuren nicht unbedingt ihren Schöpfer zeigten. Indem er sie mit Miltons Satan und Richardsons Robert Lovelace verglich, die nur deshalb so dämonisch angelegt worden waren, weil sie beim Publikum ein moralisches Umdenken auslösen sollten, machte er eine wohlwollende Betrachtung trotz der Lebensart möglich.41 Gleichzeitig wuchs die Distanz zu allem, was den Anschein von Neoklassizismus erweckte. Ein unorthodoxer Künstler war nicht nur wünschenswert, er wurde im Laufe der Zeit sogar gefordert. Die Ära von Percy Bysshe Shelley und Lord Byron konnte den Marlowe, den das Jahrhundert zuvor abgelehnt hatte, eher akzeptieren.
Lamb allein hätte Marlowes Popularität nicht vorangetrieben. 1808 erschien allerdings noch ein anderes Werk, Goethes Faust. Eine Tragödie. Dass derselbe Stoff erstmals in einem englischen Drama behandelt worden war – einem, das die meisten Engländer selbst nicht kannten –, ging an ihnen nicht spurlos vorüber. Es dauerte einige Zeit, doch 1816 ließ Charles Wentworth Dilke im Zuge der Old English Plays erstmals seit 1663 wieder Doctor Faustus drucken, und er wurde gelesen. Bereits im Folgejahr sah sich Byron genötigt, den Vorwurf zu entkräften, er habe sich für Manfred bei Marlowe bedient.42 William Oxberry und seinen preisgünstigen 22 Bänden von The New English Drama ist es zu verdanken, dass ab 1821 sämtliche Dramen Marlowes einem Leserkreis außerhalb wohlhabender Literaturkritiker und erfolgreicher Büchersammler zur Verfügung standen. Das allgemeine Interesse galt nichtsdestotrotz William Shakespeare. Marlowe blieb eine Randerscheinung.
Wie in der Literaturbetrachtung vollzog sich auch beim Publikum die Wende weg von den klassischen Tugenden hin zur Begeisterung für Außenseiter und Bösewichte. Die Leser fühlten mit der Kreatur aus Mary Shelleys Frankenstein, die Theater lockten mit Richard Cumberlands The Jew oder Shakespeares Richard III. Der Trend wurzelte in einer bewussten Auflehnung gegen konservative Politik und klerikale Engstirnigkeit, die den Individualismus in Kunst wie Staatswesen nicht anerkennen wollten.43 Ob diese Stimmung zu einer Aufführung von The Jew of Malta führte oder andere Gründe ausschlaggebend waren, lässt sich nicht mehr sagen. Jedenfalls stand das Stück am 24. April 1818 mit Edmund Kean in der Titelrolle in Drury Lane auf dem Programm. Damit kehrte Marlowe auf die Bühne zurück, wenn auch nur für zwölf Vorstellungen und in reichlich entstellter Form.44 Gemeinsam mit Oxberrys Einzelausgaben erreichte er auf diesem Weg so viele Menschen wie seit dem elisabethanisch-jakobäischen Theater nicht mehr.
William Hazlitt würdigte 1820 in seinen Lectures on the Dramatic Literature of the Age of Elizabeth die frühen englischen Dramatiker auf eine bis dahin untypische Weise. Das Bühnenschaffen des ausgehenden 16. Jahrhunderts galt als formal inkorrekt und philosophisch plakativ, einzig Shakespeare wurde als rühmliche Ausnahme zugelassen. Hazlitt war anderer Ansicht und ließ auch dessen Zeitgenossen gelten. Doctor Faustus betrachtete er als Marlowes Meisterwerk, insgesamt war er voll des Lobes.
"There is a lust of power in his writings, a hunger and thirst after unrighteousness, a glow of the imagination, unhallowed by any thing but its own energies. His thoughts burn within him like a furnace with bickering flames : or throwing out black smoke and mists, that hide the dawn of genius, or like a poisonous mineral, corrode the heart."45
Wahrscheinlich 1826 erschien die erste Gesamtausgabe von Marlowes Œuvre. Die drei Bände enthielten noch Lust’s Dominion, dafür fehlten das Epitaph für Sir Roger Manwood und die Widmung in Amyntae Gaudia. Der Herausgeber George Robinson ging einen Schritt weiter als Hazlitt, maß den alten Anschuldigungen keine große Bedeutung bei und hielt von der Baines Note erst recht nichts. "Its extravagance and absurdity however render it totally unworthy of credit;"46
Aufgeschlossene Literaturkritiker, Veränderungen in der Londoner Theaterwelt und wirtschaftliche Neuorientierungen der Herausgeber machten Marlowe gegen Ende der Romantik salonfähig.
Die Viktorianer
Sobald die Beschäftigung mit Marlowes Werk nicht mehr unschicklich war, gingen einige daran, seine Biografie genauer zu erforschen. Jahrhundertelang hatten Literaturkritiker und Enzyklopädien Gerüchte verbreitet und die Fehler ihrer Vorgänger bereitwillig abgeschrieben. Vorrangig James Broughton leistete hier Pionierarbeit. Er entdeckte 1820 Marlowes Eintrag im Sterberegister von Deptford, legte dar, weshalb Marlowe kaum Schauspieler gewesen sein konnte, und stellte die Glaubwürdigkeit der puritanischen Berichte infrage.47
Dann kam John Payne Collier, ein eifriger Forscher, leider auch ein ebensolcher Fälscher, der alles manipulierte, was seinen Theorien dienlich sein konnte, und im Bedarfsfall Eigenfabrikationen als authentische Dokumente ausgab. Das wirft einen Schatten auf nahezu alle seine Funde, auch auf die wahrscheinlich echten wie das Massacre leaf. Bis seine Manipulationen Ende der 1850er Jahre aufflogen, galt er als aktivster und angesehenster Literaturhistoriker Englands.
Seine Fälschungen blieben über Jahre unerkannt und wurden lange nach ihrer Aufdeckung weiter propagiert. Unverschuldet mitverantwortlich war dafür zum Teil Colliers früherer Weggenosse und späterer Gegner Alexander Dyce, dem Collier Material für seine dreibändige Werkausgabe zur Verfügung gestellt hatte. Dennoch markierte seine Ausgabe von 1850 den Punkt, von dem aus die gebildete, integre englische Gesellschaft Marlowe betrachten konnte, ohne sich an seiner Person zu stoßen.48
Während immer neue Ergebnisse aus Colliers Bastelstuben die Wissenschaft begeisterten, suchte eine Gruppe um Leigh Hunt ihren eigenen Weg zu Marlowe. 1837 erschien Richard Henry Hornes Einakter The Death of Marlowe, der aus dem Titelhelden einen Romantiker machte und sich bewusst gegen die Tendenz stellte, Marlowe so umzuformen, dass er für die breite Masse zugänglich werden durfte.49 Für Hunt selbst repräsentierte Marlowe einen romantischen Rebellen, den er einer Zeit gegenüberstellte.
Bei den Viktorianern stieß Hunt auf taube Ohren. Marlowe akzeptabel zu machen blieb das Ziel, denn die Beschäftigung mit der eigenen Sprache und Literatur sollte nun auch der Mittelklasse sowie der Arbeiterschicht offenstehen, weil man sich davon bestimmte soziale Entwicklungen versprach. Selbstverständlich eignete sich nicht alles zur allgemeinen Lektüre, weshalb Vorauswahlen getroffen wurden. In zahlreichen Nachschlagewerken und Leitfäden mischten sich biografisches Allerlei und Textauszüge. Sie verrieten so viel von Marlowe, wie die Herausgeber für opportun hielten, weshalb jedes Werk ein anderes Bild vermittelte. Einig war man sich nur darin, dass Marlowe moralisch adaptiert werden müsse. Daher wurde Doctor Faustus besonders viel Aufmerksamkeit zuteil, ließ sich das Drama doch als Lehrstück über christliche Moral ganz im Sinne der Epoche präsentieren.50
Begleitend zur Etablierung einer eigenen Literaturgeschichte versuchten die Viktorianer auch, Theorien zu entwickeln. Dazu griffen sie auf den deutschen Idealismus zurück, der bei den praxisorientierten Engländern lange Zeit nicht auf fruchtbaren Boden gefallen war.51 Er bildete nun die Grundlage einer Theorie, die zunächst auf die englischen Romantiker angewendet wurde. Deren politische wie religiöse Ansichten galten als vernachlässigbar gegenüber ihren künstlerischen Bestrebungen. Die Exzesse Byrons oder der Atheismus Shelleys wurden als agonistisches Streben nach Schönheit, Wahrheit und Transzendenz begriffen und damit als Teil eines höchst moralischen Konzepts akzeptiert.52 Bald wurden die Vertreter der elisabethanisch-jakobäischen Dramatik zu Vorläufern der Romantik, und keiner schien den englischen Romantikern derart zu entsprechen wie Marlowe. Seinen neuen Stellenwert verdankte er zum Großteil dem Literaturhistoriker Edward Dowden. Stark beeinflusst von Fichte, Schelling und Hegel, sah dieser in der elisabethanischen Literatur das Fundament einer allumfassenden kulturellen Einheit – ein Gedankengebäude auf philosophischer, nicht auf wissenschaftlicher Basis, was im Folgenden nie außer Acht gelassen werden sollte. Marlowe war für ihn der subjektive Idealist, Shakespeare der objektive Naturalist. Daraus schloss er: "But Marlowe […] seems to have lived in and for his art. His poetry was no episode in his life, but his very life itself."53
Von einem konträren Ansatz ausgehend, aber letztlich zum selben Ergebnis kamen die Ausführungen von Hippolyte Adolphe Taine. Seine mehrbändige Histoire de la littérature anglaise war bereits 1863/64 erschienen, die englische Übersetzung kam erst 1871 heraus und erfreute sich großer Beliebtheit.54 Taine war Positivist, was ihn nicht daran hinderte, jegliche Wissenschaft in der Auseinandersetzung mit Marlowe zu negieren. Genau genommen tat er nichts anderes, als eine auf Gerüchten und Fehlinformationen basierende, höchst zweifelhafte Biografie Marlowes zu kreieren, um Licht auf die Dramen zu werfen, die ihrerseits dazu benutzt wurden, ebendiese Vermutungen zu stützen.55 Dowden und Taine hatten die Büchse der Pandora geöffnet. Ab jetzt war jede absurde Spekulation über Marlowe möglich, solange man sie irgendwie aus der Lektüre seiner Werke ableiten konnte. Francis Cunningham zum Beispiel behauptete, Marlowe habe als Pikenier oder Geschützlader bei den englischen Streitkräften in den Niederlanden gedient, was seine Vertrautheit mit militärischen Ausdrücken erkläre.56
Mit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts legte sich über Marlowe und sein Werk ein romantischer Schleier, der sogar ein Drama wie Tamburlaine verklärte.57 Christopher Marlowe widerfuhr eine ungeahnte Popularität. Literaten wie Algernon Charles Swinburne oder James Russell Lowell stimmten sein Loblied an. Am 16. September 1891 schaffte er, was einige Jahrzehnte zuvor undenkbar gewesen war: In Canterbury wurde ihm zu Ehren ein Denkmal enthüllt. Die Begeisterung für Marlowe war groß, aber nicht einstimmig. William John Courthope warf ihm Ahnungslosigkeit in der Dramaturgie, Weltfremdheit und mangelndes Einfühlungsvermögen bei Frauenrollen vor.58 Die prominenteste Gegenstimme gehörte George Bernard Shaw.59
Shaw zum Trotz hatte sich Ende des 19. Jahrhunderts ein Marlowe-Bild etabliert, dessen Breitenwirksamkeit dafür sorgte, dass er kaum mehr in der Versenkung verschwinden würde. Der Nachteil daran:
"For the most part, the Victorian Marlowe was a character straight out of a Byronic closet drama–an embellishment of early gossipy and vindictive accounts of a seemingly compulsive and ill-fated dramatic poet."60
Das wäre per se nicht so schlimm, hätten sich diese Vorstellungen nicht bis ins 21. Jahrhundert gehalten.
Das 20. Jahrhundert
Auf die wissenschaftliche Vernachlässigung des vorigen Jahrhunderts folgte eines der seriösen Auseinandersetzung, gepaart mit Auswüchsen des dramenbasierten Biografismus. 1910 kam die erste Werkausgabe in Originalorthografie heraus;61 Mark Eccles62 beleuchtete Marlowes Leben in London; Frederick Samuel Boas63 publizierte die erste umfassende Biografie.
Daneben faszinierte das Neue, Rebellische, Skeptische, das seit Dowden in Marlowe gesehen wurde, weiterhin und nährte die Theorie, Marlowe hätte bewusst oder unbewusst durch seine Dramengestalten seinen Charakter und seine Ideen ausgedrückt. Diesem romantischen Ansatz folgten zahlreiche Literaturwissenschaftler,64 deren Einstellung Paul Kocher auf einen Nenner brachte: "Marlowe really had only one great theme: himself."65
Das gravierende Problem der Marlowe-Rezeption war, dass maßgebliche Entdeckungen oft Hand in Hand mit hemmungslosem Subjektivismus gingen. In den 1940er Jahren setzte mit Roy Battenhouse ein Umdenken ein.66 Der Überbetonung des biografischen Aspekts stellte man die Maxime entgegen: "[…] biography and criticism are separate arts."67
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte das Interesse an Marlowes lyrischen Werken zu seiner Wiederentdeckung als Dichter.68 Auch seine Übersetzertätigkeit, vor allem bei Lucans Pharsalia, wurde neu bewertet.69 Biografisch interessierten zwei Aspekte: die angebliche Tätigkeit für den Geheimdienst und die sexuelle Orientierung. Der Kalte Krieg erlaubte die Stilisierung Marlowes zum patriotischen Spion, der einst gegen den Katholizismus gekämpft hatte, wie die freie Welt es nun gegen den Kommunismus tat.70 1967 wurde in England und Wales die Homosexualität entkriminalisiert und bald darauf die Zensur abgeschafft. Das gestattete neue künstlerische Darstellungsmöglichkeiten, vor allem aber sozialpolitisch notwendige Veränderungen. In deren Zuge widerfuhr Marlowe zu einem nachträglich nicht mehr bestimmbaren Zeitpunkt ein Mysterium.71 Er wurde homosexuell. Dazu wurden keine Dokumente entdeckt, keine grundlegenden Erkenntnisse gewonnen, keine Indizien gefunden, die nicht schon vorher bekannt gewesen waren. Es passierte ihm einfach so. Hatte bis dahin Doctor Faustus im Mittelpunkt gestanden, rückte nun Edward II in den Fokus. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Werk so interpretiert, als wäre der Verfasser des Dramas einer der ersten tapferen Vorkämpfer für die Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Liebe gewesen. Das Publikum blickte aus dem Zeitgeist der 1990er Jahre auf Marlowe und sein Werk, oder besser gesagt auf das eine Werk. Marlowe wurde aus seiner Zeit herausgeholt und transformiert, um bei der Bewältigung eines gegenwärtigen Konflikts zu helfen.
Der dramenbasierte Biografismus erlebte eine neue Hochkonjunktur. Lukas Erne verwendete dafür die treffende Bezeichnung "Mythografie".72 Man begeisterte sich für Christopher Marlowe, den spionierenden James Dean des 16. Jahrhunderts, der als schwuler Superheld gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt gekämpft hatte. Der Vorteil dieses Konstrukts lag in seiner Trendiness. Marlowe erhielt wie im späten Viktorianismus einen Popularitätsschub. Sein 400. Todestag erfuhr größere Würdigung als 1964 der Jahrestag seiner Geburt.73
Das 21. Jahrhundert
Mit dem Beginn eines neuen Jahrtausends ebbte die Begeisterung für Marlowes "romanhafte Biografie" ab. Analog dazu wandte sich die Wissenschaft erneut verstärkt Doctor Faustus zu. Darüber hinaus rückten neue Themenkreise wie Marlowes Verbindung zu seinen Zeitgenossen, Shakespeare ausgenommen, sowie sein Platz in der Theatergeschichte in den Vordergrund.74 Der Weg zurück zu einer faktenbasierten Auseinandersetzung mit Marlowe ist nichtsdestoweniger ein langer,75 der so manchen Stolperstein birgt:
"It is an altogether human trait to wish to find the writers we admire exemplifying the ethical and ideological values we admire. The problem, of course, occurs when we allow our wishes to distort reality. With Marlowe, because of the paucity of indisputable data as to his beliefs, the risk of misreading from various ideological viewpoints is especially great."76