Werke

Christopher Marlowe war der erste englische Autor, der als Dichter wie als Dramatiker substantielle Bedeutung erlangte.1 Seine Schaffensperiode umspannte etwa fünf Jahre, in denen nach heutigem Wissensstand mindestens dreizehn Werke unterschiedlicher Gattungen entstanden. Wann genau, weiß niemand. Eine exakte Datierung ist unmöglich, weil fast alles erst nach seinem Tod in Druck ging.

Entsprechend willkürlich sind die Reihenfolgen, die in der Forschung kursieren. Dido, Queen of Carthage steht gerne am Anfang der Dramen, weil gesicherte Aufführungsdaten aus elisabethanischer Zeit fehlen und das Stück nicht besonders umfangreich ist. Doctor Faustus galt lange als krönender Abschluss einer kurzen Karriere, mittlerweile gelten Edward II oder The Massacre at Paris als letztes Stück. Einige Forscher umgehen die Problematik, indem sie die Werke nach Themen gruppieren. Das ist genauso beliebig wie jede Reihung nach vermuteter Entstehungszeit, die folgende Auflistung eingeschlossen.

Auf diese Liste hat man sich im Laufe der Jahre mehr oder minder geeinigt. Manchmal wird ein Drama infrage gestellt, dafür ein anderes zugeschrieben. Feststeht die Autorenschaft von Hero and Leander und The Passionate Shepherd to his Love.

Der Dramatiker als Angestellter

Im elisabethanischen Theaterbetrieb war der Dramatiker eine Art Angestellter der Schauspieltruppen. Was er ablieferte, gehörte nicht ihm, sondern der Truppe, die ihn bezahlte und damit so viel Gewinn wie möglich erwirtschaften wollte.2 Von der Vorstellung, dass Marlowe und nahezu alle seine Zeitgenossen jedes einzelne Wort in "ihren" Werken selbst verfasst haben, müssen wir uns rasch verabschieden. Nicht nur, weil von Doctor Faustus zwei unterschiedliche Versionen existieren oder die überlieferte Fassung von The Massacre at Paris eindeutig korrumpiert ist.3 Bereits in den 1970er Jahren nahm G. E. Bentley an, dass etwa ein Drittel der im Henslowe Diary erwähnten Dramen von mehr als einem Autor stammt.4

Geistiges Eigentum, Individualismus, Integrität des Kunstwerks – all das war für den elisabethanischen Dramatiker nicht nur unbedeutend, er kannte es gar nicht. Jeffrey Masten hat zusammengefasst, wie anders die Herangehensweise der Elisabethaner war und warum wir uns gegenwärtig so schwer damit tun.5

  1. Imitation (vor allem der Klassiker) hatte pädagogisch einen höheren Stellenwert als Originalität.
  2. Es gab eine rhetorische Grammatik für die Reproduktion und Verbreitung eines Stils, der im Idealfall nicht individuell sein sollte.
  3. Die Praxis der Handschrift zielte auf ein einheitliches Schriftbild, das Differenzierungen kaum erlaubt.
  4. Innerhalb bestimmter Identifikationen von Klasse, Nationalität oder Rasse wurden Ähnlichkeit und Kontinuität gegenüber der Individualität im heutigen Sinn betont.
  5. Ein Umgang mit dem, was wir "Quellenmaterial" nennen, bei dem unsere Vorstellung von geistigem Eigentum keine Rolle spielte.
  6. Ein Theaterbetrieb, in dem fortlaufendes Überarbeiten, Kürzen und Hinzufügen von Dramentexten durch den "ursprünglichen" Verfasser oder andere zum Alltag gehörte.

Ein Brotberuf, keine Kunst

Die Quellenlage verrät, dass Marlowes Dramen finanziell eine gute Investition und sehr populär waren. Er war wohl der bedeutendste Dramatiker seiner Zeit. Als er plötzlich starb, gab es dennoch keinen Aufschrei, keine kollektive Trauer in der Theaterwelt, keinen dramatischen Nachruf, keine bewegende Lebensbeschreibung. Warum auch.

"Denn Marlowe ist nichts Besonderes. Dramen gelten als Alltagsunterhaltung, vergleichbar mit unseren Fernseh-Serien. (Nennen Sie mal den Drehbuchautor der 273. "Tatort"-Folge. Na eben… Und die elisabethanischen Engländer hätten über solche Notwendigen, die aber doch Unbekannte sind, Biografien schreiben sollen?)"6

Tamburlaine, Faustus und Barabas brachte man mit Edward Alleyn in Verbindung. Vermutlich wusste kaum jemand außerhalb des Theaters, wer diese Figuren geschaffen hatte.7 So wie man sie von außen betrachtete, betrachteten sich die Dramatiker selbst. Dramenschreiben war ein Brotberuf, keine Kunst. Literarische Anerkennung lag in der Lyrik, weshalb die Zuschreibung dieser Werke ungleich einfacher fällt. Christopher Marlowe, der Lyriker, wurde von der Dichterschaft sehr wohl betrauert.8

Ein konstruierter Textkörper

"Constructing Christopher Marlowe" trifft nicht nur auf die Biografie zu. Zumindest bei den Dramen haben wir es mit einem konstruierten Textkörper zu tun, von dem niemand eindeutig belegen kann, wo Marlowe aufhört und ein anderer Autor beginnt. Ein Konstrukt ist auch die Interpretation. Derselbe Text scheint gänzlich widersprüchliche Deutungen zu gestatten, wofür die Todesszene von Edward II. das genialste Beispiel liefert. Diese Doppeldeutigkeit,9 die sich nicht nur bei Marlowe, sondern bei etlichen seiner Zeitgenossen findet, könnte ein Resultat der Zensurgesetze der 1590er Jahre sein. Subversive Themen flossen über Umwege in die Werke ein, wo ein mannigfaltiges Publikum sie unterschiedlich aufnehmen konnte.10 Marlowe war damit sehr erfolgreich.

"Christopher Marlowe never had problems with the Revels Office. He was certainly the most radical and unconventional dramatist of the Elizabethan era, and his plays showed scant respect for the established orthodoxy of his day. […] Yet all of this found its way on to the stage and eventually into print, with no apparent hindrance from Tilney or the Bishops' censors."11

Soweit nachvollziehbar behandelten Genehmigungsstellen und Zensoren die Texte Shakespeares wie jene Marlowes.12 Nichts weist darauf hin, dass seine Karriere als Dramatiker den Privy Council überhaupt interessierte. Auch nach seinem Tod unternahm niemand etwas gegen die Verbreitung der Werke, im Gegenteil, sie wurden weiter erfolgreich aufgeführt und gedruckt.13 Wären die Dramen tatsächlich die Manifestation von Marlowes Atheismus, Häresie, Homosexualität und Subversion, wüsste heute keiner mehr von ihnen. Sie wären weder auf die Bühne noch in eine Druckerpresse gelangt.

 


Aktualisiert am 09.09.2026

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