Rezeption

Nachruf (1593-1642)

Zwischen Marlowes Tod und der Schließung der Theater durch die Puritaner vergingen fast 50 Jahre. Während dieser Periode wurden seine Stücke weiterhin aufgeführt, seine Werke von anderen Autoren paraphrasiert und die Dramen sowie Hero and Leander gingen in mehreren Auflagen in Druck. Marlowes Œuvre verschwand mit seiner Ermordung keineswegs aus dem elisabethanischen Literaturbetrieb. Für die Person Christopher Marlowe sah es auf den ersten Blick ganz anders aus. Heutzutage mögen die Ereignisse in Deptford ungewöhnlich oder mysteriös erscheinen, aber zu einer Zeit in der Pestepidemien, Glaubenskriege, Überfälle und rabiaten Ausschreitungen aller Arten zum Alltag gehörten, starben Menschen plötzlich eines gewaltsamen Todes, ohne dass man viel darüber nachdachte. In einem Brief, den Philip Henslowe im August 1593 an Edward Alleyn, der gerade auf Tournee war, schrieb, steht nichts über Marlowe.1 Bis 1600 dürfte er im Drama überhaupt keine Erwähnung gefunden haben. Bedenkt man die Bedeutung, die Dramatikern und ihren Werken zugedacht wurde, ist das keineswegs verwunderlich. Lyrik und Prosa hingegen beschäftigten sich ausführlich mit Marlowe.

Literatur

Die erste bekannte literarische Reaktion auf Marlowes Tod stammte von George Peele. Am 6. Juli 1593 erhielt Northumberland den Hosenbandorden. Anlässlich dieser Zeremonie verfasste Peele eine Gratulation in Gedichtform, die er einige Tage vorher dem Earl überreichte. Im Prolog von The Honour of the Garter erinnert Peele an einige Verstorbene wie Philip Sidney, Francis Walsingham, Thomas Watson und Marlowe.

"[…] To Watson, worthy many epitaphs
For his sweet poesy, for Amyntas’ tears
And joys so well set down? And after thee
Why hie they not, unhappy in thine end,
Marley, the Muses' darling for thy verse;
Fit to write passions for the soules below,
If any wretched soules in passion speak?"2

Bei Peele ins unklar, ob er sich auf ein bestimmtes Werk bezieht, naheliegend ist eher Marlowes Lyrik. Sein Gedicht The Passionate Shepherd to his Love war sehr populär. In Folge ist es primär Hero and Leander, das mit Marlowe in Verbindung gebracht wird. Thomas Edwards nennt im Envoi zu Narcissus (1595) ebenfalls Thomas Watson in einem Atemzug mit Marlowe.3 Edward Blount stellte 1598 der ersten Publikation von Hero and Leander eine Widmung an Thomas Walsingham voran, die vermuten lässt, Blount und Walsingham hätten an Marlowes Beerdigung teilgenommen.

"Sir, wee thinke not our selves discharged of the dutie wee owe to our friend, when wee have brought the breathlesse bodie to the earth: for albeit the eye there taketh his ever farwell of that beloved object, yet the impression of the man, that hath beene deare unto us, living an after life in our memory, there putteth us in mind of farther obsequies due unto the deceased. And namely of the performance of whatsoever we may judge shal make to his living credit, and to the effecting of his determinations prevented by the stroke of death. By these meditations (as by an intellectuall will) I suppose my selfe executor to the unhappily deceased author of this Poem, upon whom knowing that in his life time you bestowed many kind favours, entertaining the parts of reckoning and woorth which you found in him, with good countenance and liberall affection: I cannot but see so far into the will of him dead, that whatsoever issue of his brain should chance to come abroad, that the first breath it should take might be the gentle aire of your liking: for since his selfe had ben accustomed therunto, it woul proove more agreeable and thriving to his right children, than any other foster countenance whatsoever. At this time seeing that this unfinished Tragedy happens under my hands to be imprinted; of a double duty, the one to your selfe, the other to the deceased, I present the same to your most favourable allowance, offring my utmost selfe now and ever to bee readie, At your Worships disposing:"4

Im selben Jahr erschienen zwei Fortsetzungen von Hero and Leander, eine von George Chapman, die andere von Henry Petowe, der nicht mit Lob für Marlowe spart.5 Der Geistliche Francis Meres schrieb in Palladis Tamia (1598) erstmals über Marlowe den Dichter und über seine Biografie, worauf später noch eingegangen wird. Zunächst zählt Marlowe für ihn zu den Größen der englischen Dichtkunst gemeinsam mit Philip Sidney, Edmund Spenser, Samuel Daniel, Michael Drayton, William Warner, William Shakespeare und George Chapman.6 Außerdem sieht er in Marlowe und Chapman zwei würdige Schüler von Musaios.

"As Muſaeus, who wrote the loue of Hero and Leander, had two excellent ſchollers, Thamaras & Hercules: ſo hath he in England two excellent Poets, imitators of him In the ſame argument and ſubiect, Chriſtopher Marlow, and George Chapman."7

Thomas Nashe steckte 1597 in große Schwierigkeiten. Das mit Ben Jonson verfasste Drama The Isle of Dogs hatte einen Skandal verursacht. Er konnte der Verhaftung nur entgehen, weil er nach Great Yarmouth flüchtete. Dort schrieb er sein letztes bekanntes Werk Nashe’s Lenten Stuff, das 1599 veröffentlicht wurde. Wie etliche vor ihm kommt er auf Hero and Leander zu sprechen.

"Let me ſee, hath any bodie in Yarmouth heard of Leander and Hero, of whome diuine Muſæus ſung, and a diuiner Muſe then him, Kit Marlow?
Twoo faithfull louers they were, as euerie apprentiſe in Paules churchyard will tell you for your loue, and ſel you for your mony:"8

Musaios war für die Elisabethaner einer der bedeutendsten frühantiken Autoren. Nashe erhebt Marlowe über diese literarische Größe. Sein Epyllion ist nicht nur besser als das von Musaios, es verkauft sich außerdem nach wie vor gut. Mit "Churchyard" ist die unmittelbare Umgebung von St. Paul’s in London, wo sich die Stände der Buchhändler befanden, gemeint.9 Dann folgt eine weniger romantische Darstellung der Geschichte von Leander und Hero. Nashe’s Lenten Stuff ist Nashes Nachruf auf Marlowe, den Dichter. Marlowe, den Freund, hatte er, wie weiter unten ausgeführt wird, die Jahre zuvor schon gegen Gabriel Harvey verteidigt.

J. F. F. zitierte 1875 in Notes and Queries10 eine Stanze aus John Lanes Tom Tell-Troths Message And His Pens Complaint von 1600, in der er meint eine Schilderung von Marlowes Ermordung zu erkennen.

"Wrath is the cause that men in Smith-field meete,
(Which may be called smite-field properly)
Wrath is the cause that maketh euery streete
A shambles, and a bloodie butcherie,
Where roysting ruffins quarrell for their drabs,
And for sleight causes one the other stabs."11

Ob diese Stelle überhaupt mit Marlowe in Zusammenhang steht, ist fraglich. Falls ja, würde sie eher auf den Vorfall in der Hog Lane hinweisen, also auf Thomas Watson. Wobei zu bemerken ist, dass die Hog Lane in Spitalfields liegt und nicht in Smithfield.

1600 ging die Übersetzung der Pharsalia in Druck. Thomas Thorpe erwähnte in der Widmung an Edward Blount auch den Verfasser.

"[…] in the memory of that pure Elementall wit Chr. Marlow; whose ghoast or Genius is to be seene walke the Churchyard in (at the least) three or foure sheets."12

Was genau es bedeutet, dass Marlowe nur mehr durch drei oder vier Blätter geistert, ist weniger klar. Wollte Thorpe damit andeuten, wie wenige Werke Marlowes mittlerweile bei den Buchhändlern erhältlich waren oder meinte er das Werk, in dem Marlowe "herumspukt", wäre lediglich ein paar Seiten lang, was wieder auf Hero and Leander hinzuweisen scheint.13

The Newe Metamorphosis, or a Feast of Fancie, or Poeticall Legendes stammt von ca. 1600. Als Autor ist lediglich "J. M., Gent." angegeben. Eine Zeitlang wurde es John Marston zugeschrieben, wahrscheinlich stammt es aber von Gervase Markham.14 The Newe Metamorphosis ist ein ungedrucktes Manuskript, das drei Bände umfasst. Die Erwähnung von Marlowe in diesem Werk kennt man aus A Study of The newe Metamorphosis written by J. M., gent, 1600 von John Henry Hobart Lyon, der das Zitat mit dem Quellenverweis auf das Originalmanuskripts (Bd. I, I.39v) und der Erklärung, es würde hier von Hero die Rede sein, versieht:

"… kynde Kit Marlowe, if death not prevent-him,
shall write her story, love such art hath lent-him,"15

Die erste direkte Erwähnung Marlowes in einem Theaterstück findet sich im letzten der Parnassus plays. Das sind drei Dramen The Pilgrimage to Parnassus, The Return from Parnassus und The Return from Parnassus, Or the Scourge of Simony, die zwischen 1598 und 1602 entstanden sind und zu Weihnachten von Studenten am St John’s College in Cambridge aufgeführt wurden. Der Autor ist unbekannt. Nur der dritte Teil ging 1606 in Druck. Die Stücke enthalten zahlreiche Anspielungen auf Englands Literaturszene des ausgehenden 16. Jahrhunderts. In The Return from Parnassus, Or the Scourge of Simony kommentieren Ingenioso und Judicio einige Autoren, darunter auch "Kit Marlowe".

"Ing. Christopher Marlowe.
Jud. Marlowe was happy in his buskined muse,
Alas ! unhappy in his life and end ;
Pity it is that wit so ill should dwell.
Wit lent from heaven, but vices sent from hell.
Ing. Our theatre hath lost, Pluto hath got,
A tragic penman for a dreary plot."16

Francis Meres trennte das Biografische über Marlowe inhaltlich von den Ausführungen über die literarischen Errungenschaften. Nun ist beides erstmals vermischt, wobei – ein besonderes Novum – Marlowe als Dramatiker, nicht als Lyriker gewürdigt wird.

Laut Thomas Dekkers A Knights Conjuring von 1607 verbringt Marlowe die Ewigkeit im Elysium. Dort wohnt Geoffrey Chaucer in einem Lorbeerhain, wo ihn weitere Dichtern wie Edmund Spencer, Thomas Watson, Thomas Achelow, Thomas Kyd oder der bekannten Schauspieler John Bentley umgeben.17 In den Papieren von Robert Cecil, dem ältesten Sohn von William Cecil, Lord Burghley, befindet sich ein Gedicht, das Francis Verney18 ihm gewidmet hat. Laut Marc Eccles entstand es zwischen Mai 1605 und Mai 1608.19. Das würde sich mit den Verneys Biografie decken, denn er war 1608 zum letzten Mal in England. Die digitalisierte Ausgabe der Cecil Papers verzeichnet das Gedicht jedoch in Band 21 (1609-1612), wo es bei den Dokumenten, die von vor dem 3. Juni 1612 stammen, eingereiht ist.

"Marlo the splendour of our worthless time
Praised his hero in a dainty rhyme,
And his Leander in a haughtier style,
The nymphs did grace him with a fawning smile."20

Das Zitat selbst ist nicht so spannend wie die Frage nach Zweck und Entstehung dieses Gedichts. Damals schrieben auch Soldaten, Entdecker und Politiker wie Walter Raleigh Gedichte, trotzdem erscheint es seltsam, dass Verney, bevor er alle Verbindungen zu seiner Familie und Heimat abbrach, ein Gedicht für Robert Cecil verfasste.

In Hypercritica, or a rule of judgment for writing or reading our Histories listet Edmund Bolton zahlreiche Werke und Autoren auf, "[…] out of which we gather the most warrantable English […]"., darunter "Marlowe his excellent fragment of Hero and Leander."21 Hypercritica zirkulierte als Manuskript und war in der ersten Form vermutlich 1621 vollendet. Sie ging aber erst 1722 in Druck. In dieser Fassung fehlt nicht nur die Erwähnung Marlowes, sondern diese gesamte Liste.22

Die erste Veröffentlichung von Shakespeares Werken 1623 markiert einen Einschnitt. Ben Jonson schrieb dafür die Elegie To the Memory of My Beloved, the Author William Shakespeare. Marlowe ist nicht mehr die große Lichtgestalt der englischen Literatur, mit John Lyly und Thomas Kyd steht er nun in Shakespeares Schatten.

"That I not mixe thee ſo, my braine excuſes ; I meane with great, but diſproportion’d Muſes : For I thought my iudgement were of yeeres, I ſhould commit thee ſurely with thy peeres, And tell, how farre thou didstſt our Lily out-ſshine. Or ſorting Kid, or Marlowe’s mighty line."23

Obwohl Jonson sich als Erster nicht der Bewunderung für Marlowe anschließt, wird "Marlowe’s mighty line" zum geflügelten Wort werden, wenn es darum geht seinen Stil zu beschreiben.

1627 knüpft Michael Drayton in der Epistel To my most dearely-loved friend Henry Reynolds Esquire, of Poets and Poetry an die Tradition vor Jonson und The Return from Parnassus an. Wiederum wird Marlowe mit Musaios verglichen.24 Letztlich fasste Thomas Heywood 1633 in seinem Prolog zu The Jew of Malta die Rezeption Marlowes im 16. und 17. Jahrhundert zusammen:

"But by the best of Poets in that age
The Malta Jew had being, and was made;
And He, then, by the best of Actors play’d:
In Hero and Leander, one did gaine
A lasting memorie; in Tamberlaine,
This Jew, with others many: th' other wan
The Attribute of peerelesse, […]"25

Marlowe, der Lyriker erreichte mit Hero and Leander Unsterblichkeit, doch seine Dramenfiguren erlangten Berühmtheit, weil Edward Alleyn sie verkörpert hatte.

Nicht mehr ganz so überschwänglich ist Heywood 1635 in The Hierarchie of the blessed Angells.

"Marlo, renown’d for his rare art and wit,
Could ne’re attaine beyond the name of Kit;
Although his Hero and Leander did
Merit addition rather."26

Eine ganz konträre Meinung vertritt Charles Butler 1636 auf einem Gebiet, das man nicht zwingend mit Marlowe in Verbindung bringen würde. Butler war nach seinem Studium in Oxford Vikar und Lehrer. Sein besonderes Interesse galt der Bienenzucht. Ansonsten widmete er sich der Philologie und der Musik, über die er einige Traktate verfasste, darunter The Principles of Musik, in Singing and Setting: with the two-fold Use thereof, [Ecclesiasticall and Civil.]. Gegen Ende der Schrift wiederholt er die üblichen puritanischen Argumente gegen die weltlichen Musiker, vorrangig Komponisten von Tänzen und Balladen, wobei die Dichter am allgemeinen Übel ebenso Schuld tragen wie die Sänger, die ihre Worte verbreiten. Aber es besteht Hoffnung, denn Butler erkennt einen Stimmungsumschwung.

"But (ŧanks bee to God) đeſ‘ impur‘ Buffons (weiđer it bee đat đey ar not nou permitted, as formerly, to defil‘ đe Preſ; or đat đemſelves ar, at laſt, aſamed of đeir ſtal‘ ribaldri; or đat đe people, waxing mor‘ modeſt, will no‘ longer endur‘ it;) begin, mee ŧhinks, to wear away; and đer‘ ariſeŧ in đeir steed a better generation: our Marlows ar turned into Quarleſes. Haply đey hav‘ found mor‘, & mor‘ ſolid mirŧ and deligt in honest conceipts, and witti Urbaniti; đan in all wanton and immodeſt jeſts, or any kind‘ of obſcen‘ ſcurriliti."27

Nan Cooke Carpenter meint, Butler hätte Marlowe mit Berufung auf Beard als Paradebeispiel für den verdorbenen Dichter und Stückeschreiber gewählt. Marlowes Ruf war bereits so weit ruiniert, dass seine Werke sukzessive ebenfalls keinerlei Würdigung mehr fanden. Statt Hero and Leander, lasen die Leute die religiös erbaulichen Verse von Francis Quarles.28 Eine weitere Möglichkeit wäre, eine Kritik der vielen Vertonungen von The Passionate Shepherd to his Love. Das Gedicht war ein populärer Liedtext, der in verschiedenen Versionen gesungen wurde, was Butler eventuell ein Dorn im puritanischen Auge war.

William Shakespeare

1597 zitierte William Shakespeare erstmals direkt von Marlowe. Sir Hugh Evans in The Merry Wives of Windsor (III,1) singt ein Lied, dessen Text aus Auszügen von The Passionate Shepherd to his Love besteht. 1599/1600 verwendet Phoebe in As You Like It das vermutlich bekannteste Zitat aus Hero and Leander.

"Dead shepherd, now I find thy saw of might:
Who ever loved that loved not at first sight?"29

Doch in As You Like It finden sich zwei weitere Textstellen, die auf Marlowe hindeuten könnten. Im dritten Akt sagt der Narr Touchstone:

"When a man’s verses cannot be understood, nor a man’s good wit seconded with the forward child understanding, it strikes a man more dead than a great reckoning in a little room. Truly, I would the gods had made thee poetical."30

Oliver William Foster Lodge stellte 1925 fest,31 dieses Zitat erinnere nicht nur an Barabas: "Infinite riches in a little roome."32, sondern auch an den Untersuchungsbericht über die Ermordung Marlowes, in dem der Streit um die Rechnung erwähnt wird.

"Christoferus Morley locuti fuerunt & publicaverunt unus eorum alteri diversa maliciosa verba pro eo quod concordare & agreare non potuerunt circa solucionem denariorum summe vocatum le recknynge ibidem"33

Nun ist "reckoning" kein speziell für die Schilderung von Marlowes Tod konstruierter Begriff. Das Wort war in England seit dem 14. Jahrhundert in Gebrauch und Shakespeare verwendete es öfters.34

Später ist Hero and Leander erneut ein Thema. Rosalind betrachtet die Geschichte der beiden Liebenden sehr nüchtern:

"Leander, he would have liv’d many a fair year, though Hero had turn’d nun, if it had not been for a hot midsummer night; for, good youth, des went but forth to wash him in the Hellespont, and, being taken with the cramp, was drown’d; and the foolish chroniclers of that age found it was Hero of Sestos. But these are all lies: des have des from time to time, and worms have eaten them, but not for love."35

Wollte Shakespeare damit andeuten, die Begeisterung für Marlowes Epyllion sei weit übertrieben oder sollte dieser Text in Verbindung mit dem von Touchstone den harschen Berichten über Marlowes Tod bei Beard und Meres entgegentreten36 oder haben die letzten beiden Zitate überhaupt nichts mit Marlowe zu tun?37

Biografie

Der Harvey-Nashe-Streit

Zwischen 1592 und 1596 führten Thomas Nashe und Gabriel Harvey eine literarische Auseinandersetzung, die sich über mehrere Werke erstreckte. Marlowe war daran nur indirekt beteiligt. Von Nashe haben wir die persönlichsten Aussagen über Marlowe überhaupt. Harvey wiederum zeichnet ein eher negatives Bild von Marlowe, das in Grundzügen die Rezeption durch die Puritaner vorwegnimmt. Da dieser Disput so komplex wie ausführlich war, wird er in einem eigenen Beitrag genau beleuchtet.

Das letzte Wort haben die Puritaner

Ende des 16. Jahrhunderts waren die Puritaner bereits auf dem Vormarsch. Thomas Beard, ein Geistlicher und späterer Schuldirektor von Oliver Cromwell, veröffentlichte 1597 The Theatre of Gods Judgements, eine Sammlung von Geschichten, die zeigen wie die göttliche Vorsehung die Sünder trifft. Darin findet sich die erste öffentlich Auseinandersetzung mit Marlowes Biografie und Beard darf für sich in Anspruch nehmen, damit auch gleich die Marlowe-Mythografie begründet zu haben.

"Not inferior to any of the former in Atheisme and impietie, and equall to all in maner of punishment, was one of our own nation, of fresh and late memorie, called Marlin, by profession a scholler, brought up from his youth in the Universitie of Cambridge, but by practice a Play-maker, and a Poet of scurrilitie, who by giving too large a swinge to his owne wit, and suffering his lust to have the full reines, fell (not without just desert) to that outrage and extremitie, that he denied God and his sonne Christ, and not only in word blasphemed the Trinitie, but also (as it is credibly reported) wrote bookes against it, affirming our Savior to be but a deceiver, and Moses to be but a conjurer and seducer of the people, and the holy Bible to be but vaine and idle stories, and all religion but a device of policie. But see what a hooke the Lord put in the nostrils of the barking dogge: it so fell out, that as he purposed to stab one whom he ought a grudge unto with his dagger, the other partie perceiving, so avoided the stroke, that withall catching hold of his wrest, he stabbed his owne dagger into his owne head, in such sort, that notwithstanding all the means of surgery that could be wrought, he shortly after died thereof: the manner of his death being so terrible (for he even cursed and blasphemed to his last gaspe, and together with his breath an oath flew out of his mouth) that it was not only a manifest signe of God’s Judgement, but also an horrible and fearfull terror to all that beheld him."38

Zwar hat Beard keine lobenden Worte für Marlowes literarisches Werk, aber erstmals wird er hier als Dramatiker und Dichter bezeichnet. Beards Beschreibung von Marlowes Tod ist recht fantasievoll, was verständlich ist, immerhin war der Untersuchungsbericht über die Ereignisse in Deptford kein öffentlich zugängliches Dokument. Dasselbe traf auf die Baines Note sowie die Briefe von Thomas Kyd zu. Nichtsdestoweniger erhebt Beards dieselben Anschuldigen mit fast denselben Worten. Er bediente sich wie die anderen aus der Sammlung von atheistischen Stereotypen und Klischees, die damals gerne verwendet wurden, wollte man jemandes Ruf ramponieren. Da das Theater für die Puritanern an sich ein Störfaktor war, konnte es sich bei Dramatikern nur um liederliche Gesellen handeln. Mit dieser Ansicht war Beard nicht alleine. Seine Vorstellung von Marlowe dürfte dem Zeitgeist entsprochen haben, denn die Mythografie wurde im Jahr darauf kritiklos von Francis Meres übernommen und angereichert. Ein Trend, der sich bis in die Gegenwart fortsetzt.

In literarischer Hinsicht zählte Meres, wie bereits ausgeführt, Marlowe zu den bedeutenden Lyrikern Englands. Biografisch zog er nicht nur zwei ungewöhnliche Vergleiche, er ergänzte Beard darüber hinaus um einige Facetten.

"As Iodelle, a French tragical poet being an Epicure, and an Atheiſt, made a pitifull end: ſo our tragicall poet Marlow for his Epicuriſme and Atheiſme had a tragicall death; you may read of this Marlow more at large in the Theatre of Gods iudgements, in the 25. chapter entreating of Epicures and Atheiſts."39

Erstmals wurde hier Marlowe mit dem Epikureismus in Verbindung gebracht. Der französische Schriftsteller Étienne Jodelle schrieb unter anderem ein Drama über Dido. Das scheint die einzige Gemeinsamkeit zu sein, die mit Marlowe besteht. Abgesehen von einer kurzen Erwähnung aus dem frühen 19. Jahrhundert, die strenggläubige Katholiken hätten Jodelle als Atheisten bezeichnet, sind Meres Angaben über Jodelle nicht nachvollziehbar. So starb dieser verarmt eines natürlichen Todes – was man als "tragisch" bezeichnen könnte, damals aber nicht ungewöhnlich war. Bis heute habe ich keine Erklärung gefunden, wieso Meres Marlowe mit Jodelle in Zusammenhang brachte und woher er dessen abenteuerliche Lebensbeschreibung hatte. Genau so verhält es sich mit dem folgenden Zitat.

As the poet Lycophron was ſhot to deathby a certain riual of his: ſo Chriſtopher Mar|low was ſtabd to death by a bawdy Ser|uingman, a riuall of his in his lewde loue."40

Über Lykophron, einem Verfasser von Tragödien, die nicht erhalten sind, ist so gut wie nichts bekannt, erst recht keine Ähnlichkeit mit Marlowes Biografie. Interessanterweise wird Meres fast immer zitiert, sobald es um die Rezeption Marlowes und seinen Atheismus geht, aber nie werden diese merkwürdigen Verweise auf Jodelle und Lykophron näher betrachtet. Abschließend fügt Meres Beards fantasievoller Schilderung von Marlowes Ableben ein weiteres Kuriosum hinzu. Marlowes Mörder war ein Bediensteter, der sein Rivale in Liebesdingen war.

Nach diesen fantastischen Berichten überrascht William Vaughan 1600 in The Golden Grove mit für damalige Verhältnisse erstaunlicher Realitätsnähe.

"Not inferiorer to these was one Christopher Marlow by profession a play-maker, who, as it is reported, about 7. yeeres a-goe wrote a booke against the Trinitie: but see the effects of Gods iustice; it so hapned, that at Detford, a litle village about three miles distant from London, as he meant to stab with his ponyard one named In∣gram, that had inuited him thither to a feast, and was then playing at tables, he quickly perceyuing it, so auoyded the thrust, that withall drawing out his dag∣ger for his defence, hee stabd this Mar∣low into the eye, in such sort, that his braines comming out at the daggers point, hee shortlie after dyed. Thus did God, the true executioner of di∣uine iustice, worke the ende of impi∣ous Atheists."41

Vaughan war ungewöhnlich gut informiert, was vermutlich mit seinen verwandtschaftlichen Verbindungen zu tun hatte. Der Halbbruder seiner Stiefmutter hatte Dorothy Devereux, die Schwester von Essex und zweite Ehefrau von Henry Percy geheiratet.42

Edmond Rudierde veröffentlichte 1618 unter dem Titel The Thunderbolt of God’s Wrath against Hard-hearted and Stiffe-necked Sinners eine gekürzte Fassung von Beards The Theatre of Gods Judgements. Marlowes Ableben wird noch drastischer geschildert als bei Beard und soll als Abschreckung für alle Dichter, Dramatiker sowie Schauspieler dienen. Die einzig relevante Information ist die Erwähnung von Marlowes Studium in Cambridge.43

Wie gefährlich die Lektüre von Marlowe sein konnte, schildert der englische Dichter Henry Oxinden (1609-1670). In seinen Kollektaneenbüchern notierte er mehrere Unterhaltungen mit seinem Nachbar Simon Aldrich († 1655), der 1593 in Cambridge zu studieren begonnen und danach eine kirchliche Laufbahn eingeschlagen hatte. Das erste Buch befindet sich in der Handschriftensammlung der British Library44, ein zweites, das um 1650, also zehn Jahre nach dem ersten, entstanden sein dürfte und Kopien aus dem älteren Buch enthält, ist im Besitz der Folger Library.45 Oxindens Bibliothek enthielt mehrere Werke Marlowes. Er versah sie mit Anmerkungen und kopierte Passagen daraus. Für den 20. Februar 1640 notierte Oxinden:

"He said that Marlo who wrot Hero & Leander was an Atheist & had writ a booke against the Scripture; how that it was all one man’s making, & would have printed it but could not be suffered. He was the son of a shomaker in Cant. He said hee was an excellent scholler & made excellent verses in Lattin & died aged about 30; he was stabd in the head with a dagger & dyed swearing."46

Die Entdeckung des Epitaphs für Sir Roger Manwood und seine Zuschreibung sind teilweise Oxindens Aufzeichnungen zu verdanken, dass Marlowes lateinischen Verse allerdings besondere Beachtung fanden, ist neu. Das würde viel eher auf Thomas Watson zutreffen. Aldrichs Bemerkung über Marlowes Atheismus wäre nicht weiter auffällig, vor allem weil er kurz darauf meinte, Walter Raleigh wäre zumindest in jungen Jahren gleichfalls ein Atheist gewesen, hätte Oxinden am 22. Februar nicht eine weitere Erzählung Aldrichs festgehalten.

"Mr Ald sayd that mr Fineux of Douer was an Atheist & that hee would go out at midnight into a wood, & fall down uppon his knees & pray heartily that the Deuil would come, that he might see him (for hee did not belieue that there was a Deuil) Mr Ald: sayd that hee was a verie good scholler, but would neuer haue aboue one booke at a time, & when hee was perfect in it, hee would sell it away & buy another: he learnd all Marlo by heart & diuer other bookes: Marlo made him an Atheist. This Fineaux was faine to make a speech uppon The foole hath said in his heart there is no God, to get his degree. Fineaux would say Galen sayd that man was of more excellent composition then a beast & thereby could speake; but affirmeth that his soule dyed with his body, & as we remember nothing before wee were borne, so we shall remember nothing after wee are dead."47

Die Identität von Mr. Fineux ist rätselhaft. Mark Eccles konnte zwei Kandidaten ausfindig machen: Thomas Fineux (1574-1627) kam 1587 ans Corpus Christ College in Cambridge. Sein jüngerer Bruder John immatrikulierte um 1593 am Trinity College.48 Im Laufe der Jahre hat sich Thomas49 gegenüber John50 durchgesetzt. Dabei sagte Aldrich nicht, dass Fineux Marlowe persönlich gekannt hatte, er hatte nur sehr viel von ihm gelesen. Laut dieser Schilderung muss Fineux auch kein Student in Cambridge gewesen sein, wenngleich das eine naheliegende Annahme ist. Thomas Fineux hätte jedenfalls wenig gedruckten Lesestoff gehabt, da vor 1590 keines von Marlowes Werken in Buchform vorlag. Für John Fineux hätte es schon eine größere Auswahl gegeben. Unter Berücksichtigung seines ungewöhnlichen Platz- und Finanzmanagement betreffend Bücher hatte er vielleicht nicht wirklich alles von Marlowe gelesen. Naheliegend wäre Doctor Faustus, nur stand ihm der während der Zeit in Cambridge wahrscheinlich nicht zur Verfügung, denn der erste erhaltene Druck ist von 1604.

Fazit

Abgesehen von Thomas Nashe wissen wir nicht, wer von den hier vertretenen Autoren Marlowe zu Lebzeiten gekannt hatte. Die Verwendung des Spitznamens "Kit" muß nicht unbedingt auf eine persönliche Bekanntschaft deuten. Nashe benutzte diese Anrede häufig, Markham, Jonson, Heywood und der anonyme Verfasser von The Return from Parnassus aber ebenfalls. Die Fülle von Verweisen aus fast fünf Dekaden enthalten nichtsdestoweniger gewisse Gemeinsamkeiten.

  1. Marlowe ist spätestens seit dem 6. Juli 1593 tot. Insgesamt 14 Mal (zehnnmal bei den Literaten, viermal bei den Puritanern) wird eindeutig auf Marlowes Tod verwiesen.
  2. Marlowes Tod war tragisch. Dabei reicht die Definition von persönlichem Verlust, über den literarischen bis zum abschreckenden Exempel in religiöser Hinsicht.
  3. Marlowe haftete in Glaubensdingen ein gewisser Ruf an. Meres, Oxinden/Aldrich und der Autor von The Return from Parnassus trennten die Gerüchte über Marlowe von seiner Leistung als Schriftsteller. Harvey und die Puritaner taten das nicht. Wie genau dieser Ruf aussah und was davon stimmte, bleibt spekulativ. Man scheint Marlowe eine unorthodoxe, im schlimmsten elisabethanischen Sinne atheistische Einstellung zugetraut zu haben.
  4. Marlowes Privatleben war nicht sonderlich erwähnenswert. Zwar berichtet Meres, Marlowe und sein Mörder hätten um dieselbe Liebschaft gestritten, aber Meres meinte ziemlich sicher eine Frau, weil er es sonst erwähnt hätte. Überhaupt scheint es unwahrscheinich, das sich die Puritaner nicht mit Feuereifer darüber ausgelassen hätten, falls ihnen je etwas von einer in ihren Augen widernatürlichen Beziehung Marlowes zu Ohren gekommen wäre.
  5. Marlowe verfügte über ein herausragendes Renommee als Lyriker. Die Arbeiten für die Bühne spielten in den Jahren nach seinem Tod so gut wie eine Rolle. Wenn nicht allgemein Marlowes lyrisches Können gelobt wird dann im Zusammenhang mit Hero and Leander.

Christopher Marlowe war eindeutig keine Randerscheinung im Kulturschaffen des ausgehenden 16. Jahrhunderts, die im Schatten nachfolgender Größen stand. Sogar für Personen, die mit seinen Kreisen und seinem Schaffen kaum Berührungspunkte hatten, war er kein Unbekannter. Marlowe hat ganz klar Spuren hinterlassen – in der Literatur, im Leben und in der Wahrnehmung seiner Zeitgenossen.

1642 hatten die Puritaner gewonnen, das Parlament verfügte die Schließung der Theater. Die Öffnung erfolgte erst wieder 1660 durch Charles II. Für die Rezeption von Christopher Marlowe und seinem Werk markieren diese 18 Jahre eine Zäsur, wenn nicht sogar einen Bruch, der sehr langsam überwunden werden sollte.

Von der Restauration bis zur Romantik

Während der Restauration kehrte nur eines von Marlowes Dramen auf die englischen Bühnen zurück. Am 26. Mai 1662 besuchte Samuel Pepy mit seiner Gattin im Red Bull eine Aufführung von Doctor Faustus. Dabei handelte es sich um die Version, die 1663 gedruckt wurde. Bei der Aufführung gab es noch weitere neue Szenen mit Hinweisen auf den Inhalt von The Jew of Malta. Pepy war von dem Theaterabend wenig beeindruckt. Als 1686 im Dorset Garden William Mountfords The Life and Death of Doctor Faustus, with the Humours of Harlequin and Scaramouch aufgeführt wurde, bedeutete es das Aus für das Wenige, was von Marlowe noch im Theater vorhanden war. Bis 1671 erschienen alle Stücke Marlowes nur mehr in den Katalogen der Buchhändler.51 Dennoch gehörte auch Marlowe zu den elisabethanisch-jakobinischen Autoren, auf die die neue Generation von Dramatikern Bezug nahm.52 Er geriet keineswegs in Vergessenheit. Edward Phillips, ein Neffe von John Milton, schrieb 1675 in Theatrum poetarum zwar die Verfasserschaft von Tamburlaine 1 und Tamburlaine 2 dem Dichter Thomas Newton zu, Marlowe selbst widmete er allerdings einen umfassenden Eintrag.

"Christopher Marlow, a kind of a second Shakesphear (whose contemporary he was) not only because like him he rose from an Actor to be a maker of Plays, though inferiour both in Fame and Merit; but also because in his begun Poem of Hero and Leander, he seems to have a resemblance of that clean and unsophisticated Wit, which is natural to that incomparable Poet;"53

Marlowe war nun endgültig in Shakepeares Schatten gestellt worden. Nach wie vor galt Hero and Leander als das herausragende Meisterwerk. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Erwähnung von Thomas Nashe als Coautor bei Dido, Queen of Carthage. Mythografisch neu war die Behauptung, Marlowe wäre Schauspieler gewesen. Sie wird in den nächsten Jahrzehnten kontinuierlich wiederholt werden. Hinsichtlich Marlowes Ermordung hielt sich Phillips sehr bedeckt. Ganz anders verfuhr Anthony Wood in seiner Athenae Oxonienses. Eigentlich enthält es Lebensbeschreibungen aller Autoren und Bischöfe, die in Oxford studiert haben. Bei seiner Biografie über Thomas Newton korrigierte Wood Edward Phillips Aussage betreffend der Urheberschaft der Tamburlaine-Dramen und holte zu einem ausführlichen Exkurs über Leben und Werk Marlowes aus, der ja in Cambridge studiert hatte. Wood berief sich auf Thomas Beards Theatre of Gods Judgments, das er auch als Quelle anführte und Francis Meres Palladis Tamia. Außerdem übernahm er Francis Kirkmans Angabe auf dem Titelblatt seines Drucks von Lust’s Dominion, der Marlowe als Verfasser des Dramas nennt.54 Kurz und akkurat, bis auf die Erwähnung der Autorenschaft von Lust’s Dominion, sind die Informationen über Marlowe in Gerard Langbaines An account of the English dramatick poets.55 John Aubrey widmete Marlowe in Brief Lives keinen eigenen Eintrag, wusste aber dennoch etwas über sein Ableben zu berichten, wobei er Marlowe mit dem Schauspieler Gabriel Spenser verwechselte, denn Aubrey schrieb über Ben Jonson:

"He killed Mr. … Marlow, the poet, on Bunhill, comeing from the Gren-Curtain play-house."56

Ben Jonson tötete Gabriel Spenser 1598 in einem angeblich von Spenser initiierten Duell in Hoxton Fields, Shoreditch. John Aubrey starb 1697. Das Manuskript von Brief Lives wurde 1813 teilweise, 1898 beinahe komplett veröffentlicht. Eine kritische und vollständige Ausgabe erfolgte überhaupt erst 2015.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts bis in die ersten Dekaden des 18. Jahrhunderts war man an Marlowe kaum interessiert. Biografisch wurden die Schilderungen der Puritaner von vor der Restauration ein wenig ausgeschmückt. Beim Werkekanon herrschte überwiegend Einigkeit.

Dem Dramenschreiber und Buchhändler Robert Dodsley war es gelungen, an die siebenhundert frühen Ausgaben von Theaterstücken zu erwerben, die er 1744 erstmals in mehreren Bänden der Öffentlichkeit zugänglich machte. Das war die erste Zusammenstellung früher Dramen in der englischen Geschichte.57 Darin inkludiert war Edward II, in der Zweitausgabe von 1780 fügte der neue Herausgeber Isaac Reed auch The Jew of Malta hinzu.58

1748 nahm Bischof Thomas Tanner eine Kurzbiografie Marlowes in seine Bibliotheca Britannico-Hibernica auf. Darin berichtete er erstmals von einer Dido-Ausgabe, die eine Elegie von Thomas Nashe auf den toten Marlowe enthalten solle.59 Bis dato ist diese Elegie nicht gefunden worden.

Mit John Berkenhout begann eine Unart, die der Marlowe-Forschung noch etliches Kopfzerbrechen bereiten würde: Die Fälschung. Er druckte 1777 in seiner Biographia Literaria einen Brief von George Peele an Marlowe ab. Diese Fälschung war derart plump, dass sie unmittelbar nach der Veröffentlichung als solche erkannt wurde. Das würde zukünftig nicht immer so einfach sein.

Spannend wurde es zu Beginn der 1780er Jahre. Thomas Warton kritisierte 1781 in The History of English Poetry erstmals die Puritaner für ihre engstirnige Sicht auf Marlowe.

"His [Marlowes] scepticism, whatever it might be, was construed by the prejudiced and peevish puritans into absolute atheism : and they took pains to represent the unfortunate catastrophe of his untimely death, as an immediate judgment from heaven upon his execrable impiety."60

Kurz darauf erwiderte Joseph Ritson:

"I have a great respect for Marlow as an ingenious poet, but I have a much higher regard for truth and justice; and will therefor take the liberty to produce the strongest (if not the whole) proof that now remains of his diabolical tenets, and debauched morals; and if you, Mr. Warton, still choose to think him innocent of the charge, I shall be very glad to see him thoroughly white-washed in your next edition."61

Und es folgte die erste Publikation der Baines Note. Von nun an lehnte man Marlowe nicht seiner Arbeit, sondern seines vermeintlichen Lebenswandels wegen ab. Ein Mensch, der solch ein Leben geführt hatte, wie man von ihm annahm, war gar nicht fähig, wertvolle künstlerische Werke zu schaffen. Literarisch Interessierte waren teilweise anderer Meinung. Männer wie Isaak Reed, Edmond Malone oder David Garrick nahmen Marlowes Dramen in ihre privaten Bibliotheken auf, bemühten sich aber nicht um eine breite Akzeptanz des Autors.62

Thomas Dermody

Eine absolute Sonderstellung in der damaligen Marlowe-Rezeption nimmt The Pursuit of Patronage des Iren Thomas Dermody ein. Die Epistel von 1800 ist über große Strecken das Lamento eines Dichters, dem ein wirklicher Gönner fehlt. An Hand berühmter Dichter und Maler wie Chatterton, Caravaggio, Milton, Dante und anderer wird gezeigt, wohin es führt, wenn die Künste nicht gewürdigt und gefördert werden.

"Has not, while wilder’d in the bow’ry grove,
Oft sigh’d: "Come, live with me, and be my love"?
Yet, oh! be love transform’d to deadly hate,
As freezes memory at Marlow’s fate:
Disastrous bard! by too much passion warm’d,
His fervid breast a menial beauty charm’d;
Nor, vers’d in arts deceitful woman knows,
Saw he the prospect of his future woes.
Vain the soft plaint, that sordid breast to fire
With warmth refin’d or elegant desire;
Vain his melodious magic, to impart
Affections foreign to th' unfeeling heart;
In guardless ecstacy’s delicious glow,
He sinks beneath a vassal murd’rers blow.
O’er his dread fate my kindred spirit stands
Smit with commutual wound, and Pity wrings her hands.
Ah! had some genial ray of bounty shone
On talents that but lack’d its aid alone,
Had some soft pennon of protection spread
Its eider plumage o’er that hapless head,
What emanations of the beauteous mind
Had deck’d thy works, the marvel of mankind:
Snatch’d from low-thoughted Care thy stooping soul,
And plac’d thee radiant on Fame’s deathless roll;
Where still anneal’d, thy own unequall’d strain
Shall crown’d by sensibility remain!"63

Außergewöhnlich ist nicht nur die uneingeschränkte Bewunderung, die Dermody ausdrückt, sondern vor allem die erstmalige Identifikation mit Marlowe. Bei Dermody ist Marlowe kein sittlich verkommener Atheist, er ist ein leidenschaftlicher Poet mit sanften Klängen und magischer Melodie, an dessen Verse man sich in idyllischer Abgeschiedenheit erinnert. Der Leser kommt nicht umhin sich zu fragen: Ist das der Autor von Tamburlaine, The Jew of Malta oder The Massacre at Paris? Findet man in Marlowes Dramen von Empfindsamkeit gekrönte Worte, die einem gefühlskalten Herzen unbekannte Empfindungen eröffnen? Seiner Liebsten im pflanzenumwucherten Hain Verse eines skytischen Eroberers, rachsüchtigen Juden oder machtbesessenen Adeligen vorzuseufzen, hätte vor über zweihundert Jahren wohl in derselben Erfolglosigkeit geendet wie heute. Nicht der Theaterdichter, der Lyriker ist es daher, der Dermodys Begeisterung weckt. In The Passionate Shepherd to his Love, dessen erste Zeile auch direkt zitiert wird, sieht Dermody Dinge, die man in den Dramen kaum entdeckt. Er findet sich folglich nicht im Dramatiker, der Tamburlaine ausschickt, die Welt zu erobern, Barabas seine eigene Tochter vergiften lässt, Faustus an Gott verzweifeln macht und Mortimer den Wunsch nach der Macht einpflanzt, wieder, sondern im Dichter, der in einer beschaulichen Maienlandschaft zum Gesang der Vögel mit seiner Angebeteten den Schäfern zusieht. Eine weitere Einzigartigkeit, denn falls man zur damaligen Zeit über Marlowes Werk sprach, war nahezu ausschließlich sein dramatischen Œuvre gemeint.

Romantik

Die Romantik war die Zeit der Shakespeare-Begeisterung, wovon anfänglich wenig auf Marlowe abfärbte. 1808 brachte Charles Lamb die Specimens of English Dramtatic Poets heraus. Sie enthielten Ausschnitte aus über siebzig Dramen, darunter Tamburlaine 1, Tamburlaine 2, Edward II, The Jew of Malta und Doctor Faustus. Alle Dramatiker, die Lamb anführte, betrachtete er im Schatten Shakespeares, dessen Name zum Werbeträger für andere Autoren der elisabethanisch-jakobinischen Zeit wurde. Die Stellen in Lambs Buch waren nicht dazu angehalten, Marlowes Biographie anders zu betrachten. Ganz im Gegenteil, sie verstärkten den Eindruck, den das ausgehende 18. Jahrhundert von ihm gehabt hatte. Zwar wusste Lamb um Marlowes "skandalöses" Leben, doch er ließ durchblicken, dass die Figuren, die Marlowe erschaffen hatte, nicht unbedingt dessen eigenes Ich zeigten. Indem er sie mit Miltons Satan und Richardsons Robert Lovelace verglich, die nur deshalb so dämonisch dargestellt worden waren, um beim Publikum ein moralisches Umdenken auszulösen, machte er eine wohlwollende Betrachtung der Werke Marlowes, trotz dessen Lebensart, möglich.64 Als die Specimens of English Dramtatic Poets erschienen, wuchs außerdem die Distanz zu allem, was den Anschein von Neoklassizismus erweckte. Ein unorthodoxer Künstler war nicht nur wünschenswert, er wurde im Laufe der Zeit sogar gefordert. Die Ära von Percy B. Shelley und Lord Byron konnte den Marlowe, den das Jahrhundert zuvor abgelehnt hatte, eher akzeptieren. Lamb alleine hätte die Popularität Marlowes nicht weiter vorangetrieben, aber 1808 erschien auch ein anderes Werk: Goethes Faust. Eine Tragödie. Dass schon vor Goethes Meisterwerk dasselbe Thema in einem englisches Drama, das den meisten Engländern unbekannt war, bearbeitet worden war, ging nicht spurlos an ihnen vorüber. Es dauerte einige Zeit, aber 1816 ließ Charles Wentworth Dilke im Zuge der Old English Plays erstmals seit 1663 wieder Doctor Faustus drucken und er wurde gelesen. Bereist im Folgejahr sah sich Byron genötigt den Vorwurf zu entkräften, er hätte sich für Manfred bei Marlowes Stück bedient. William Oxberry und seinen preisgünstigen 22 Bänden von The New English Drama ist es zu verdanken, dass ab 1821 alle Dramen Marlowes einem Publikum außerhalb wohlhabender Literaturkritiker und erfolgreicher Büchersammler zur Verfügung standen. Nichtsdestotrotz galt das allgemeine Interesse William Shakespeare. Die Auseinandersetzung mit Marlowe blieb eine Randerscheinung, was einen Mann zu einer ungewöhnlichen Tat veranlasste.

Im August 1819 erschien in der Monthly Review eine anonyme Besprechung von Nathan Drakes Shakespeare and his Times. Der Verfasser schlug eine bis dato unbekannte Sichtweise auf die Biografie von Shakespeare und Marlowe vor.

"There is however something very enigmatic about this Christopher Marlowe. Of his birth-place and early years nothing is known: but just at the time when Shakspeare left Stratford, he appears on the London boards as a distinguished actor, and an admirable play-wright […] in 1592, an improbable story was circulated, that Marlowe had been assassinated with his own sword, which attracted no judicial inquiry; and Shakspeare became immediately the same distinguished actor, the same admirable play-wright, that Marlowe had been just before. Can Christopher Marlowe have been a nome de guerre assumed for a time by Shakspeare?"65

Derselbe Autor verwies über ein Jahr später erneut auf seine Theorie.66 Mittlerweile ist die Identität des Verfassers bekannt. Es handelt sich um den Mann, der 1820 in einem Leserbrief an The Monthly Magazine, dem Konkurrenzblatt der Monthly Review, die Existenz Christopher Marlowes verteidigte.67 William Taylor neigte zu solchen Scherzen. Er veröffentlichte in konkurrierenden Blättern entgegensetze Ansichten, um dadurch eine öffentliche Debatte anzustoßen. In diesem Fall wollte er die Aufmerksamkeit auf Marlowe lenken, von dessen Biografie kaum etwas bekannt war und der drohte in der allgemeinen Shakespeare-Begeisterung vergessen zu werden. Taylor, selbst kein großer Bewunderer Shakespeares, war an einer umfassenderen Beschäftigung mit der englischen Renaissance-Literatur gelegen. Vielleicht hat sein Schabernack tatsächlich etwas gebracht. Einige Zeit später entdeckte James Broughton den Eintrag Marlowes im Beerdigungsregister in Deptford.68 Taylor verwies 1824 auf diese Entdeckung und widerrief seine "Theorie" von der Nichtexistenz Marlowes.69

Wie in der Literaturbetrachtung fand auch im Publikum eine Wende weg von der Verherrlichung der klassischen Tugenden zur Begeisterung für Außenseiter und Bösewichte statt. Die Leser fühlten mit der Kreatur aus Mary Shelleys Frankenstein und die Theater lockten die Zuschauer mit Richard Cumberland The Jew oder Shakespeares Othello und Richard III. Dieser Trend hatte seine Wurzeln in einer bewussten Auflehnung gegen konservative Politik und klerikale Engstirnigkeit, die den Individualismus sowohl in der Kunst, als auch in der Politik nicht anerkennen wollten.70 Ob es diese Stimmung war oder andere Gründe, die zu einer Aufführung von The Jew of Malta führten, lässt sich nicht mehr sagen. Jedenfalls wurde in Dury Lane am 24. April 1818 das Stück mit Edmund Kean in der Titelrolle gegeben. Damit kehrte Marlowe auf die Bühne zurück – wenn auch nur für zwölf Vorstellungen und in einer reichlich entstellten Form. Trotzdem wurde Marlowe mit dieser Aufführung und den Einzelausgaben von Oxberry so vielen Menschen vorgestellt, wie es seit dem elisabethanisch-jakobinischem Theater nicht mehr der Fall gewesen war.

William Hazlitt würdigte 1820 in seinen Lectures on the Dramatic Literature of the Age of Elizabeth die frühen englischen Dramatiker in einer bis dahin untypischen Weise. Das englische Theater des ausgehenden 16. Jahrhunderts galt allgemein als formal inkorrekt und philosophisch plakativ, wobei lediglich Shakespeare als rühmliche Ausnahme zugelassen wurde. Hazlitt war anderer Ansicht und würdigte auch Shakespeares Zeitgenossen. Doctor Faustus betrachtete er als Marlowes Meisterwerk, war aber insgesamt voll des Lobes für den Dramatiker:

"There is a lust of power in his writings, a hunger and thirst after unrighteousness, a glow of the imagination, unhallowed by any thing but its own energies. His thoughts burn within him like a furnace with bickering flames : or throwing out black smoke and mists, that hide the dawn of genius, or like a poisonous mineral, corrode the heart."71

Wahrscheinlich 1826 erschien die erste Gesamtausgabe von Marlowes Œuvre. (Die dreibändige Ausgabe enthielt noch Lust’s Dominion, dafür fehlte das Epitaph für Sir Roger Manwood und die Widmung in Amyntae Gaudia). Der Herausgeber George Robinson ging einen Schritt weiter als Hazlitt, indem er den Anschuldigungen, die einst gegen Marlowe vorgebracht worden waren, keine große Bedeutung beimaß:

"He has been equally the subject of high panegyric, and the sport of scurrilous abuse, esteemed for his verse and hated for his life – the favorite of the learned and witty, and the horror of the precise and religious. The praise applies to his intellectual and the census to his moral character; what the latter really was may be difficult at this time to determine with accuracy, although the accusations are not of a nature to be entitled to any great weight."72

Und von der Baines Note hielt Robinson erst recht nichts: "Its extravagance and absurdity however render it totally unworthy of credit;"73

Aufgeschlossene Literaturkritiker, Veränderungen in der Londoner Theaterwelt und wirtschaftliche Neuorientierungen bei den Herausgebern waren maßgeblich daran beteiligt, Marlowe gegen Ende der Romantik salonfähig zu machen.

19. Jahrhundert

Im viktorianischen Zeitalter erlebte Marlowe einen radikalen Wandel vom geschmähten Außenseiter am Rande der Literaturgeschichte zu deren viel gerühmten Helden. Keinem anderen Autor der Renaissance sollte im England des 19. Jahrhunderts Ähnliches widerfahren.74

Sobald die Beschäftigung mit Marlowe Werk nicht mehr unschicklich war, gingen einige daran seine Biografie genauer zu erforschen. Jahrhunderte lang hatten Literaturkritiker und Enzyklopädien Gerüchte verbreitet und die Fehler ihrer Vorgänger breitwillig abgeschrieben. Besonders die fantasievollen Schilderungen vom Ableben des Dramatikers erregte inzwischen Zweifel. Hier leistete James Broughton Pionierarbeit. Er entdeckte 1820 Marlowes Eintrag im Sterberegister von Deptford, erklärte, weshalb es unwahrscheinlich sei, dass Marlowe Schauspieler gewesen war und stellte die Glaubwürdigkeit der Schilderungen der Puritaner ernsthaft in Frage.75 Dann kam John Payne Collier, ein eifriger Forscher, aber leider auch ein ebensolcher Fälscher, der rücksichtslos alles manipulierte, was seinen Theorien dienlich sein konnte und im Bedarfsfall nicht vor Eigenfabrikationen zurückschreckte, die er als authentische Dokumente ausgab. Dieses Vorgehen wirft einen Schatten auf nahezu alle seine Entdeckungen, inklusive derer, die wahrscheinlich nicht gefälscht sind wie das Massacre leaf. Bis Ende der 1850er Jahre, als seine Manipulationen bekannt und seine Arbeiten öffentlich angezweifelt wurden, galt er als aktivster und angesehenster Literaturhistoriker Englands. Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass er in der Tat neue Maßstäbe für die englische Theatergeschichte gesetzt hatte. Als einer der ersten sah er Shakespeare im Zusammenhang mit dessen Zeitgenossen wie Robert Greene, John Lyly, George Peele, Thomas Nashe und vor allem Marlowe. Darüber hinaus machte Collier auf deren literarische Verdienste außerhalb des Theaters aufmerksam. Dank ihm wurde begonnen die Theaterhistorie, die nicht mit Shakespeare als Ausnahmeerscheinung angefangen hatte, linear zu betrachten. Seine Fälschungen jedoch wurden über Jahre hinweg nicht erkannt und lange nach ihrer Entdeckung weiter propagiert. Unverschuldet mitverantwortlich war dafür zu einem Teil Colliers früherer Weggenosse und späterer Gegner Alexander Dyce, der Mitte des 19. Jahrhunderts eine dreibändige Werkausgabe Marlowes vorstellte, für die ihm Collier Material zur Verfügung gestellt hatte. Immerhin entdeckte Dyce den Eintrag von Marlowes Taufe im Kirchenregister von Canterbury. Und er markierte mit der Werkausgabe von 1850 den Punkt, von dem aus die gebildete, integre Schicht der englischen Gesellschaft Marlowe betrachten konnte, ohne sich an seiner Person zu stoßen.76

Während immer neue Ergebnisse aus Colliers Bastelstuben die Wissenschaft begeisterten, suchte eine Gruppe um Leigh Hunt ihren eigenen Weg zu Marlowe. 1837 erschien Richard Henry Hornes Einakter The Death of Marlowe, das aus dem Titelhelden einen Romantiker machte und sich bewusst gegen die Tendenz stellte, Marlowe so umzuformen, das er für die breite Masse zugänglich werden durfte. In seiner Widmung an Leigh Hunt bezog Horne eindeutig Stellung. Sein Drama bräuchte keineswegs die Wertschätzung "[…] of the 'Useful Knowledge' class: neither does it appear to claim the practice notice of a Whig Government, […]".77 Leigh Hunt selbst zählte Marlowe zu den großen Dichtern der englischen Renaissance.

"If ever there was a born poet, Marlowe was one. He perceived things in their spiritual as well material relations, and impressed them with a corresponding felicity. Rather, he stuck them as with something sweet and glowing that rushes by; – perfumes from a censer, – glances of a love and beauty. And he could accumulate images into as deliberate and lofty grandeur."78

Hunt interessiert nicht, wer Marlowe war, sondern was er war: Ein wahrer Dichter nur seinem Werk verpflichtet. Nicht was, wie er es gesagt hatte rückte soweit in den Vordergrund, dass Hunt darüber vergaß, welche Greuel, Brutalität und Horror sich in Marlowes Dramen abspielen. Für ihn repräsentierte Marlowe einen romantischen Rebellen, den er einer Zeit gegenüberstellte, die den Menschen durch die Maschine ersetzte und dem Utilitarismus huldigte. Sein Marlowe, der an die fiktionale Gestalt Hornes erinnerte, sollte statt an die Gegenwart angepasst werden, sich ihr entgegenstellen. Hunt stieß bei den Viktorianern auf taube Ohren. Sie versuchten weiterhin Marlowe akzeptabel zu machen. Bis dato war die Auseinandersetzung mit der Renaissance ein Zeitvertreib der gebildeten, gehobenen Klasse gewesen. Mittlerweile setzte sich jedoch die Meinung durch, dass die Beschäftigung mit der eigenen Sprache und Literatur in gewissem Maß auch der Mittelklasse und Arbeiterschicht offenstehen sollte, weil man sich davon bestimmte soziale Entwicklungen versprach. Selbstverständlich war nicht alles, was in englischer Sprache vorlag bzw. was man darüber wusste, zur allgemeinen Lektüre geeignet, weshalb Vorauswahlen getroffen wurden. Dieser Mix aus biografischem Allerlei gepaart mit Auszügen aus den Werken diente nicht der Wissenserweiterung derer, die schon wussten wer Marlowe war, sondern boten gerade so viel Information, wie man brauchte, um eine gewisse Kenntnis zu signalisieren, ohne wirklich etwas von ihm gelesen zu haben. In der Fülle von Nachschlagewerken, Handbüchern und Leitfäden, die nun erschienen, wurde von Marlowe preisgegeben, was der jeweilige Herausgeber für opportun hielt, wodurch jedes Buch ein anderes Bild von Marlowe vermittelte. Einig war man sich nur dahingehend, dass Marlowe moralisch adaptiert werden müsse. Aus diesem Grund wurde Doctor Faustus besonders viel Aufmerksamkeit zuteil, konnte das Drama doch als Lehrstück über christliche Moral ganz im Sinne der Epoche präsentiert werden.79

Begleitend zur Etablierung einer eigenen Literaturgeschichte versuchten die Viktorianer Literaturtheorien zu entwickeln. Damit in Zusammenhang stand anfangs eine wachsende Begeisterung der Engländer für die deutschen Literaten und Philosophen. Das war nicht immer so gewesen. Gerade der deutsche Idealismus war bei den praxisorientierten Engländern lange Zeit nicht auf fruchtbaren Boden gefallen.80 Jetzt wurde er zur Basis einer Theorie, die erst einmal Anwendung auf die englischen Romantiker fand. Deren politische wie religiöse Ansichten waren nun vernachlässigbar im Vergleich zu ihren künstlerischen Bestrebungen. Atheismus und Ausschweifung betrachtete man als Symptome des individuellen künstlerischen Kampfes des Dichters. Die Suche nach transzendentalen Werten wurde zu einem höchst moralischen Unterfangen, unabhängig davon, wie unmoralisch ein bestimmter Künstler gewesen war. Die Exzesse Byrons oder der Atheismus Shelleys galten als eine Art Notwendigkeit bei deren agonistischem Streben nach Schönheit, Wahrheit und Transzendenz. Solange selbst das verdorbenste Verhalten diesem Ziel diente, war es als Teil eines im Wesentlichen moralischen Konzepts akzeptierbar.81 In Folge erfuhren die elisabethanisch-jakobinische Literatur eine ebensolche Betrachtung. Ihre Vertreter wurden zu Vorläufern der Romantik, von denen keiner dem Verhalten der englischen Romantiker derart zu entsprechen schien wie Marlowe. Dieser erreichte plötzlich einen neuen Stellenwert, den er zum Großteil dem Literaturhistoriker Edward Dowden verdankte. Stark beeinflusst von den deutschen Idealisten Fichte, Schelling und Hegel sah er in den literarischen Werken des elisabethanischen Zeitalters das Fundament für eine allumfassende kulturelle Einheit. Diese Theorie basiert auf philosophischen Überlegungen, nicht auf wissenschaftlichen Fakten – das sollte im Folgenden nie außer Acht gelassen werden. 1888 veröffentlichte Dowden in Transcripts and Studies einen Aufsatz, der bereits im Jänner 1870 in der Fortnightly Review erschienen war. Darin stellte er fest:

"Shakspere and Marlowe, the two foremost men of the Elizabethan artistic movement, remind us in not a few particulars of the two foremost men of the artistic movement in Germany eighty or ninety years ago, Goethe and Schiller."82

Dabei ging es ihm nicht um stilistische oder thematische Ähnlichkeiten, sondern um die Positionen Goethes und Schillers innerhalb eines literarischen Systems, denn Dowden präzisiert: "[…] Marlowe be the Schiller – the subjective poet, the idealist, as Shakspere is the Goethe, objective and naturalistic, of Elizabethan art […]"83 und kam zu dem Schluss: "But Marlowe like Schiller, seems to have lived in and for his art. His poetry was no episode in his life, but his very life itself."84

Bevor wir uns Dowdens Erkenntnis und ihren Folgen widmen, werfen wir einen Blick auf ein damals beliebtes Gegenmodell. Hippolyte Adolphe Taines mehrbändige Histoire de la littérature anglaise war bereits 1863/64 erschienen. Die englische Übersetzung kam erst 1871 heraus und erfreute sich großer Beliebtheit.85 Im Gegensatz zu Dowden war Taine Positivist, was ihn nicht daran hinderte, jegliche Wissenschaft in der Auseinandersetzung mit Marlowe zu negieren. Für Taine ist der Künstler kein losgelöstes Individuum, das in der Abgeschiedenheit willkürlich Werke kreiert, denn der Einzelne wird durch drei Faktoren bestimmt: race (Abstammung), milieu (Umgebung) und moment (Entwicklungsstufe). Über Marlowe wusste Taine zu berichten:

"Celui-ci était un esprit déréglé, débordé, outrageusement véhément et audacieux, mais grandiose et sombre, avec la «véritable fureur poétique;» païen de plus, et révolté de mœurs et de doctrines."86

Bestätigt wurden solche Erkenntnisse etwa mit einem Zitat aus Edward II (23, 59-66) über das Taine dann feststellte: "Pesez bien ces grandes paroles, c’est le cri du cœur, et la confession intime de Marlowe, comme aussi celle de Byron […]"87 Hier spricht Marlowe durch seine Figuren wie es Lord Byron getan hat. Spätestens jetzt hatte Taine denselben Punkt erreicht wie Dowden. Und wie dieser, hatte er gleichfalls eine schöne Analogie parat: "[…] Marlowe est à Shakspeare ce que Pérugin est à Raphaël."88 Genau genommen tat Taine nichts anderes als eine auf Gerüchten und Fehlinformationen basierende höchst zweifelhafte Biografie Marlowes zu kreieren, um Licht auf die Dramen zu werfen, die ihrerseits dazu benutzt wurden, die Vermutungen der Biografie zu stützen.89 Dowden und Taine hatten die Büchse der Pandora geöffnet. Von nun an war jede absurde Spekulation über Marlowe möglich, so lange man sie irgendwie aus der Lektüre seiner Werke ableiten konnte. Francis Cunningham zum Beispiel behauptete, Marlowe habe als Pikenier oder Geschützlader bei den englischen Streitkräften in den Niederlanden gedient, was seine Vertrautheit mit militärischen Ausdrücken erklärt.90 John Addington Symonds und Havelock Ellis stellten solch eine zirkuläre Beziehungen her, weil sie damit bestimmte Anliegen verfolgten. Beide setzten sich für eine Entkriminalisierung der Homosexualität ein, wofür sie Bespiele in der Kunst suchten. In Marlowes Fall interessierte nicht, ob und wie er gegen die Autoritäten seiner Zeit rebellierte hatte, sondern wie er benutzt werden konnte, um die Notwendigkeit des Auslebens der individuellen Sexualität in der eigenen Zeit zu demonstrieren.91 Schritt für Schritt glichen sie in ihren Publikationen Marlowes Biografie an ihre Interpretationen seiner Werke an, was bis auf weiteres keine große Resonanz auslöste.

Mit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts legte sich über Marlowe und sein Werk ein romantischer Schleier, der sogar Tamburlaine verklärte:

"With all it’s imperfections on its head, 'Tamburlaine' remains for us a great English play, for in it are revealed in all their strange distorted splendour the romantic hopes and fancies of a poet who was filled with the spirit of a romantic age."92

Christopher Marlowe widerfuhr eine ungeahnte Popularität. Literaten wie Algernon Charles Swinburne oder James Russell Lowell stimmten sein Loblied an. Am 16. September 1891 hatte Marlowe geschafft, was noch einige Jahrzehnte zuvor undenkbar gewesen wäre: In Canterbury wurde ihm zu Ehren ein Denkmal enthüllt. Die Begeisterung für Marlowe war groß, nicht einstimmig. William John Courthope warf ihm Ahnungslosigkeit in der Dramaturgie, Weltfremdheit und mangelndes Einfühlungsvermögen bei Frauenrollen vor.93 Die prominenteste Gegenstimme gehörte George Bernard Shaw. Er konnte die Elisabethaner, mit Ausnahme Shakespeares natürlich, nicht leiden. In einer Kritik tat er seine Ansichten über Marlowe unmissverständlich kund:

"He is the true Elizabethan blank-verse beast, itching to frighten other people with the superstitious terrors and cruelties in which he does not himself believe, and wallowing in blood, violence, muscularity of expression and strenuous animal passion as only literary men do when they become thoroughly depraved by solitary work, sedentary cowardice, and starvation of the sympathetic centres."94

Er ließ auch kein gutes Haar jenen, die sich für Marlowe begeisterten. 1898 regte Shaw deshalb an:

"Nothing short of a statue at Deptford to the benefactor of the human species who exterminated Marlowe, and the condemnation of Mr. Swinburne to spend the rest of his life in selling photographs of it to American tourists, would meet the poetic justice of the case."95

Shaws Vorschlägen zum Trotz hatte sich Ende des 19. Jahrhundert ein Marlowe-Bild etabliert, dessen Breitenwirksamkeit dafür sorgte, dass er kaum mehr in der Versenkung verschwinden würde. Der Nachteil war, dass:

"For the most part, the Victorian Marlowe was a character straight out of a Byronic closet drama–an embellishment of early gossipy and vindictive accounts of a seemingly compulsive and ill-fated dramatic poet."96

Das wäre per se nicht so schlimm, hätten sich diese Vorstellungen nicht bis ins 21. Jahrhundert gehalten. Sie legten den Grundstein für die Mythografie.

20. Jahrhundert

Das Aufblühen der mythografischen Konstrukte war unter anderem der Tatsache geschuldet, dass wirklich wenig über Marlowes Leben bekannt war. Viele der relevante Dokumente waren damals noch unentdeckt. Das schaffte Raum für ungewöhnliche Spekulationen. In Form einer fiktiven Erzählung schrieb Wilbur Gleason Zeigler in It Was Marlowe, wie dieser nach seiner vorgetäuschten Ermordung in Deptford unter dem Pseudonym William Shakespeare weiterhin Dramen verfasst hatte.97 Einige Jahre zuvor hatte der amerikanische Physiker Thomas Corwin Mendenhall seine Untersuchungen zur Stilometrie veröffentlicht, eine Analysemethode mit der er die Urheberschaft eines Textes zu ermitteln versuchte.98 Mendenhall konzentrierte sich auf die Häufigkeit von Wortlängen und kam zu dem Ergebnis, Marlowe stimme mit Shakespeare so gut überein wie Shakespeare mit sich selbst,99 was den Physiker bewog sich zu fragen, ob nicht Marlowe die Werke Shakespeares geschrieben habe.100 Danach wurden – nicht immer mit Berufung auf Mendenhall – tatsächlich Stimmen laut, die auf eine Anerkennung Marlowes als Urheber des shakespeareschen Œuvres pochten.101 Sie verstummten (vorerst), als Leslie Hotson 1925 den Untersuchungsbericht über Marlowes Ermordung fand.102 Diese Episode kann symptomatisch betrachtet werden, denn auf die wissenschaftliche Vernachlässigung des vorigen Jahrhunderts folgte eines der seriösen Auseinandersetzung gepaart mit Auswüchsen des dramenbasierten Biografismus. 1910 kam die erste Werkausgabe in Originalorthographie heraus,103 Marc Eccles104 beleuchtete Marlowes Leben in London, Frederick Samuel Boas105 publiziert die erste umfassende Biografie. W. W. Gregs106 Gegenüberstellung beider Versionen von Doctor Faustus gilt nach wie vor als Standardwerk. Daneben faszinierte das Neue, Rebellische, Skeptische, das seit Dowden in Marlowe gesehen wurde, weiterhin und nährte die Theorie, Marlowe hätte bewusst oder unbewusst durch seine Dramengestalten seinen Charakter und seine Ideen ausgedrückt. So ein Marlowe, der idealisierte subversive Künstler, konnte in der Literatur etwa das Vorbild für Stephen Dedalus in Joyce A Portrait of the Artist as a young Man sein,107. andererseits folgten diesem romantischen Ansatz auch zahlreiche Literaturwissenschaftler108, deren Einstellung Paul Kocher in seiner Aussage verdichtete: "Marlowe really had only one great theme: himself."109 Das ist das gravierende Problem der Marlowe-Rezeption der letzten 120 Jahre. Hippolyte Taine hatte sich irgendetwas über Marlowe zusammenfabulisiert, um es mit seinen Theorien in Einklang zu bringen: Wissenschaftlich völlig irrelevant. Bei jemanden wie Paul Kocher ist die Situation eine gänzlich andere. Alleine seine Beiträge zu Marlowes möglichen Quellen sind von unschätzbarem Wert. Maßgebliche Entdeckungen gingen oft Hand in Hand mit hemmungslosem Subjektivismus. In den 1940er Jahren setzte mit Roy Battenhouse ein Umdenken ein. Marlowes Helden passten sehr wohl in ihre Entstehungszeit und ihr Schöpfer war kein revolutionärer Freidenker.110 Nachdem vor allem Doctor Faustus unter diesem orthodoxen Blickwinkel neu betrachtet wurde,111 erweitere Douglas Cole112 ihn auf alle Dramen Marlowes. Der Überbetonung des biographischen Aspekts stellte man die Maxime entgegen: "[…] biography and criticism are separate arts."113 Eine Symbiose aus den unterschiedlichen Herangehensweisen stellte David Bevington dar, für den Marlowes Dramen zwar auf den traditionellen, christlichen Moralitäten basierten, aber eine bis dahin ungekannte Doppeldeutigkeit erhielten, die das Neue an Marlowe ausmachte.114 Dieser Betrachtungsweise folgte Charles Masinton115, aber auch John P. Cutts, der Marlowes Helden von der psychologischen Seite beleuchtet, sich aber weigert daraus Schlüsse auf den Charakter des Autors zu ziehen.116 In all diesen Jahren war Doctor Faustus das Werk, dem die Wissenschaft die größte Aufmerksamkeit schenkte.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte das Interesse an Marlowes lyrischen Werken zu seiner Wiederentdeckung als Dichter.117 Auch seine Übersetzertätigkeit vor allem bei Lucans Pharsalia wurde neu bewertet.118 Biographisch interessierten zwei Aspekte: Die angebliche Tätigkeit für den Geheimdienst und die sexuelle Orientierung. Der Kalte Krieg erlaubte die Stilisierung Marlowes zum patriotischen Spion, der einst gegen den Katholizismus kämpfte, wie die freie Welt es jetzt gegen den Kommunismus zu tun hatte.119 Das sprach sich jedoch nicht überall herum. Der Kongressabgeordnete Joe Starnes aus Alabama fragte bei einer Anhörung, ob es sich bei dem erwähnten Marlowe, um einen Kommunisten handeln würde.120 Überhaupt wusste man auf der anderen Seite des Atlantiks nicht immer das Richtige mit ihm anzufangen. 1954 machte Marilyn Pauline Novak Probeaufnahmen für Columbia Pictures, die zu einem Filmvertrag führten. Als Künstlername für die neue Darstellerin wurde "Kit Marlowe" vorgeschlagen. Karriere machte sie zwar als Kim Novak, dafür bekam später ihre Rolle in der TV-Serie Falcon Crest den Namen Kit Marlowe.121

1952 fand ein Student des Corpus Christi Colleges in Cambridge das Portrait eines unbekannten Mannes aus dem 16. Jahrhundert. Die Collegeleitung ließ es restaurieren und aufhängen. Drei Jahre danach erschien Calvin Hoffmans The Murder of the Man Who was Shakespeare. Weil der Privy Council Marlowe ausliefern wollte, floh er, nachdem er seinen eigenen Tod vorgetäuscht hatte, auf den Kontinent. Dort schrieb er fleißig weiter und schickte die Manuskripte nach England, wo ein William Shakespeare als Strohmann für die Veröffentlichungen fungierte.122 Hoffman wollte seine Arbeit weder als Scherz wie Taylor123, noch als Fiktion wie Zeigler124, sondern als ernsthafte Abhandlung verstanden wissen. In dieser stellte er fest, dass der Stich, den Martin Droeshout 1623 von William Shakespeare für die erste Folio-Ausgabe angefertigt hatte, Ähnlichkeit mit dem Cambridge-Portrait hat und da eigentlich Marlowe Shakespeare war, zeigt dieses Portrait Christopher Marlowe in jungen Jahren.125 Jetzt passierten zwei Skurrilitäten, die ebenfalls symptomatisch sind. Ausgerechnet Hoffmans Publikation machte Marlowe für den deutschen Sprachraum interessant, denn der Spiegel widmete seinen Ausführungen einen mehrseitigen Beitrag.126 Obwohl nie belegt werden konnte, dass das Cambridge-Portrait in Zusammenhang mit Marlowe stand und Hoffmans Marlowe-war-Shakespeare-These keine Würdigung durch etablierte Wissenschaftler widerfuhr, waren und sind viele von ihnen der Überzeugung, das Cambridge-Portrait würde Marlowe darstellen. Das bedeutet: Jede abwegige Behauptung über Marlowe ist weitaus interessanter als eine wissenschaftliche Entdeckung. Mir ist bspw. keinen Beitrag des Spiegels anlässlich A. B. Wernhams127 Auffinden des Briefes über die Festnahme Marlowes in Vlissingen bekannt. Egal wie abwegig die Behauptung ist, wenn sie gefällt, wird sie selbst von Wissenschaftlern bedenkenlos in das Marlowe-Bild integriert. Diese beiden Phänomene sind prägend für die nachfolgende Marlowe-Rezeption.

1964 feierte man den vierhundertsten Geburtstag Marlowes in England eher bescheiden, im Rest von Europa ignorierte man ihn ganz.128 Drei Jahre später wurde in Großbritannien die Homosexualität legalisiert und bald darauf die Zensur abgeschafft. Das gestatte neue künstlerische Darstellungsmöglichkeiten, aber vor allem sozialpolitisch notwendige Veränderungen. Im Zuge dieser widerfuhr Marlowe zu einem nachträglich nicht mehr bestimmten Zeitpunkt ein Mysterium.129 Er wurde homosexuell. Dazu wurden keine Dokumente entdeckt, keine grundlegenden Erkenntnisse gewonnen, keine Indizien gefunden, die nicht schon vorher bekannt gewesen waren. Es passierte ihm einfach so. Edward II rückte in den Focus des Interesses. Das Drama hatte laut Derek Jarman130 sogar die Ehre 1991 von ihm für eine Verfilmung ausgewählt zu werden. Er tat dies zur Demonstration seiner eigenen Auffassung über den Umgang der Gesellschaft mit Homosexualität,131 nicht um über Marlowes angebliche sexuelle Orientierung aufzuklären. Genau so verstand man den Film allerdings. Mehr noch, er wurde dahingehend interpretiert, als wäre der Verfasser des Dramas einer der ersten tapferen Vorkämpfer für die Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Liebe gewesen. Selbstverständlich war das nicht alleine Jarmans "Verdienst". Das Publikum blickte auf Marlowe und sein Werke, oder besser gesagt auf das eine Werk, aus dem Zeitgeist der 1990er Jahre. Marlowe wurde aus seiner Zeit herausgeholt und transformiert, um bei der Bewältigung eines gegenwärtigen Konflikts zu helfen. Stephen Orgel hatte recht, als er feststellte: "[…] in short, homosexuality is our problem, not Marlowe’s."132 Tatsächlich sollten wir uns mehr Gedanken darüber machen, dass es fiktive wie reale Personen benötigt, die sich heldenhaft für etwas einsetzen, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, als über Marlowes Privatleben zu spekulieren. Ende des 19. Jahrhunderts waren zirkuläre Beziehungen zwischen Marlowes Biografie und seinem Œuvre von der Wissenschaft eingeführt worden. Hundert Jahre später wurden sie, weil sie gerade dem Trend entsprachen, nicht nur übernommen, sondern geradezu befeuert. Was aus der Unterhaltungsliteratur bekannt war, hielt Einzug in die wissenschaftliche Lektüre.

"Marlowe, the transgressive atheistical sodomitical alien-besotted overreacher, consistently unmasks forms of oedipal desire in order to show both the ubiquity and the iniquity of a repressive regime and to hint that the best life, and the truest or deepest relation to the problem of agency, will consist in casting it off."133

Dramenbasierter Biografismus und Subjektivismus134 erlebten eine Hochkonjunktur. Lukas Erne verwendete dafür die treffende Bezeichnung "Mythografie".135 So wie sich die Wissenschaft für das Cambridge-Portrait begeisterte, tat sie es für Christopher Marlowe, den spionierenden James Dean des 16. Jahrhunderts, der als schwuler Superheld gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt gekämpft hatte. Der Vorteil dieses Marlowe-Konstrukts lag in seiner Trendiness. Marlowe erhielt wie im späten Viktorianismus einen Popularitätsschub. Sein vierhundertster Todestag erfuhr größere Würdigung als sein Geburtstag 1964. Es gab zahlreiche Aufführungen und am 30. Mai 1993 (10 Tage zu früh) wurde im Marlowe Theatre in Canterbury von Ian McKellen eine Gedenktafel enthüllt.136

21. Jahrhundert

Mit dem Beginn eines neuen Jahrtausends schwand die Begeisterung für Marlowes "romanhafte" Biografie. Analog dazu nahm das Interesse der Wissenschaft an Edward II ab, um sich erneut verstärkt auf Doctor Faustus zu konzentrieren. Darüber hinaus rückten neue Themenkreise wie Marlowes Verbindung zu seinen Zeitgenossen abgesehen von Shakespeare sowie sein Platz in der Theatergeschichte in den Vordergrund.137 Der Weg zu einer faktenbasierten Auseinandersetzung mit Marlowe ist nichtsdestoweniger ein langer,138 der so manchen Stolperstein birgt:

"It is altogether human trait to wish to find the writers we admire exemplifying the ethical and ideological values we admire. The problem of course, occurs when we allow our wishes to distort reality. With Marlowe because of the paucity of indisputable data as to his beliefs the risk of misreading from various ideological viewpoints is especially great."139


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  1. Bowsher (2000)↩︎
  2. Greene and Peele (1861), 584↩︎
  3. Lucie-Smith (1965)↩︎
  4. Marlowe (1986), 188↩︎
  5. Petowe (1598)↩︎
  6. Meres (1598)↩︎
  7. Meres (1598), 282r↩︎
  8. Nashe (1883/84), 262↩︎
  9. Marlowe (1986)↩︎
  10. F. (1875)↩︎
  11. Lane (1600), 32↩︎
  12. Marlowe (1986), 93↩︎
  13. Downie (2018)↩︎
  14. Gervase (Jervis) Markham (1568-1637) war als Soldat in den Niederlanden und Irland. Seine Interessen waren breitgefächert. Er beschäftigte sich mit Forst- und Landwirtschaft, brachte ein Kochbuch (The English Huswife) heraus und soll erstmals Vollblutaraber in England eingeführt haben. Darüber hinaus war er Dichter und Übersetzer.↩︎
  15. Lyon (1919), 62↩︎
  16. s.n. (1905), 15↩︎
  17. Dekker (2015)↩︎
  18. Sir Francis Verney (1584-1615) stammte aus seiner bedeutenden englischen Familie. Nachdem er 1597 einen Rechtsstreit mit seiner Stiefmutter verloren hatte, ging er die nächsten Jahre auf Reisen. 1608 kehrte er kurzzeitig nach England zurück, um es danach für immer zu verlassen. Er wurde einer der Kommandanten der tunesischen Flotte und ein erfolgreicher Barbaresken-Pirat. 1610 kam in seiner Heimat das Gerücht auf, er sei zum Islam konvertiert, was für große Aufregung sorgte. Zwei Jahre war er Galeerensklave, bevor er von einem englischen Jesuiten ausgelöst wurde. Im Austausch für seine Freiheit trat Verney zum Katholizismus über. Seine letzten Jahre verbrachte er als Soldat in Sizilien.↩︎
  19. Eccles (1982)↩︎
  20. Owen (1970), 372↩︎
  21. Haslewood (1815), 247↩︎
  22. Haslewood (1815)↩︎
  23. Shakespeare (1623), A3↩︎
  24. Drayton (1961)↩︎
  25. The Prologue to the Stage at the Cocke-pit. 2-8↩︎
  26. Heywood (1635), 206↩︎
  27. C. Butler (1636), 132↩︎
  28. Carpenter (1953)↩︎
  29. As You Like It. III,5,82-83↩︎
  30. As You Like It. III,3,14-15↩︎
  31. Lodge (14.05.1925)↩︎
  32. The Jew of Malta. I,1,37↩︎
  33. PRO C 260/174, no. 27↩︎
  34. Simpson (2009)↩︎
  35. As You Like It. IV,1↩︎
  36. Nicholl (2002)↩︎
  37. Holdsworth (1982)↩︎
  38. Beard (1597), 149↩︎
  39. Meres (1598), 286v↩︎
  40. Meres (1598), 286v-287r↩︎
  41. Vaughan (1600), s.p.↩︎
  42. Nicholl (2002)↩︎
  43. Rudierde (1618)↩︎
  44. British Library. Add MS 28012↩︎
  45. Eccles (1935)↩︎
  46. Eccles (1935),↩︎
  47. Kendall (2003), 352↩︎
  48. Eccles (1935)↩︎
  49. Eccles (1935); Boas (1940); Urry (1988); Nicholl (2002); Kendall (2003)↩︎
  50. Kuriyama (2002); Honan (2005)↩︎
  51. MacLure (1998)↩︎
  52. Munro (2009)↩︎
  53. Phillips (1675), 24↩︎
  54. Wood (1691-92)↩︎
  55. Langbaine (1691)↩︎
  56. Aubrey (1898), 13↩︎
  57. Dabbs (1991)↩︎
  58. MacLure (1998)↩︎
  59. Brooke (1922)↩︎
  60. Warton (1824), 264↩︎
  61. Ritson (1782), 40↩︎
  62. Dabbs (1991)↩︎
  63. Dermody (1807), 49-50↩︎
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  66. William Taylor (1820a)↩︎
  67. William Taylor (1820b)↩︎
  68. Chandler (1994)↩︎
  69. William Taylor (1824)↩︎
  70. M. Butler (1996); Dabbs (1991)↩︎
  71. Hazlitt (1821), 56-57↩︎
  72. Marlowe (1826), iii↩︎
  73. Marlowe (1826), viii↩︎
  74. Dabbs (1991)↩︎
  75. Broughton (1830)↩︎
  76. Dabbs (1991)↩︎
  77. Horne (1837),iv↩︎
  78. Hunt (1845), 136↩︎
  79. Dabbs (1991)↩︎
  80. Kielinger (1999)↩︎
  81. Dabbs (1991)↩︎
  82. Dowden (1888), 435↩︎
  83. Dowden (1888), 436↩︎
  84. Dowden (1888), 436↩︎
  85. Dabbs (1991)↩︎
  86. Taine (1863), 33↩︎
  87. Taine (1863), 42↩︎
  88. Taine (1863), 48↩︎
  89. Ribner (1964)↩︎
  90. Marlowe (1870)↩︎
  91. Dabbs (1991)↩︎
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  94. Shaw (1906), 37↩︎
  95. Shaw (1906), 415↩︎
  96. Dabbs (1995)↩︎
  97. Zeigler (1895)↩︎
  98. Mendenhall (1887)↩︎
  99. Mendenhall (1901)↩︎
  100. Mendenhall (1902)↩︎
  101. Watterson (18.07.1920); Webster (1923)↩︎
  102. Hotson (1925)↩︎
  103. Marlowe (1910)↩︎
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  105. Boas (1940)↩︎
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  108. Ellis-Fermor (1927);Bradbrook (1936);Levin (1964); Rowse (1966); Bloom (1986); Greenblatt (1980); Wraight and Stern (1993)↩︎
  109. Kocher (1947), 115↩︎
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  111. Kirschbaum (1943); Greg (1946); Campbell (1952)↩︎
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  120. Kovel (1994)↩︎
  121. Hopkins (2004)↩︎
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  127. Wernham (1976)↩︎
  128. Potter (2000)↩︎
  129. Hopkins (2003)↩︎
  130. Aebischer (2014)↩︎
  131. Lawrence (2000)↩︎
  132. Orgel (2000), 566↩︎
  133. Engle (2008), 423↩︎
  134. J. A. Downie nennt es die "'must-have' theory of biography"(Downie (2007))↩︎
  135. Erne (2005)↩︎
  136. Potter (2000)↩︎
  137. Logan (2010)↩︎
  138. Downie (2000); Downie (2010)↩︎
  139. Tucker (1995), 41↩︎

Akt


Aktualisiert am 24.11.2022

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